Bedeutsamkeit als Führungsleistung

Ein theorie- und evidenzbasiertes konzeptuelles Mehrebenenmodell mit zweistufigem Kern zur Erklärung der motivationalen Wirkung von Führung
Jochen Wagner
ORCID: 0009-0000-3701-0470  |  Schwerin, Deutschland  |  Juli 2026
Versionierte wissenschaftliche Publikation
Erstveröffentlichung auf PsychArchives (Leibniz-Institut für Psychologie)
DOI der Erstversion: 10.23668/psycharchives.22329
Lizenz: CC-BY-SA 4.0 · Jochen Wagner, 2026

Abstract
Führung beeinflusst nicht nur Leistung, Koordination und Zielerreichung, sondern vor allem die Bedingungen, unter denen Arbeit für Mitarbeitende bedeutsam wird. Die Erzeugung von Bedeutsamkeit bleibt in Führungsforschung und -praxis jedoch häufig begrifflich unterbestimmt und wird implizit als Nebenprodukt von Kommunikation, Zielsetzung oder Motivation behandelt. Auf Basis der Goal-Setting-Theory, der Self-Determination Theory, der Forschung zu meaningful work, der Stimmigkeitskonzeption von Schulz von Thun sowie anschlussfähiger Befunde aus der Führungsforschung wird ein konzeptuelles Mehrebenenmodell mit zweistufigem Kern eingeführt, dessen vermittelnde Theorieebene durch STIMMIG gebildet wird. Äußeres STIMMIG beschreibt die von Führung gestaltbaren Bedingungen der Bedeutsamkeitsermöglichung, inneres STIMMIG die subjektiv erlebte Qualität einer internalisierten Ziel- oder Arbeitsbindung. Das Modell trennt damit eine Führungsarchitektur der motivationalen Anschlussfähigkeit von einer Internalisierungsarchitektur individueller Verankerung. Klassische Zielraster wie SMART behalten heuristischen Wert; ihre motivationale Wirkung lässt sich jedoch nicht allein aus der formalen Zielformulierung erklären, sondern kann durch die im STIMMIG-Modell beschriebene psychologische Tiefenstruktur ergänzt und differenzierter eingeordnet werden. Der Essay zielt auf eine theoretisch anschlussfähige, praktisch nutzbare Konzeption von Führung als Ermöglichung von Bedeutsamkeit und liefert Führungskräften und Organisationen ein Reflexionsraster für nachhaltige Selbstmotivation. Das Rahmenmodell ist als konzeptueller, empirisch noch ungeprüfter Beitrag zu verstehen, der eine Grundlage für zukünftige Operationalisierung und Validierung schafft.
Schlüsselwörter: Bedeutsamkeit, Führung, STIMMIG, Self-Determination Theory, meaningful work, Internalisierung, Stimmigkeit, Selbstmotivation, Leadership-Modell, motivationale Anschlussfähigkeit

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Förderung: Die Arbeit wurde ohne externe Förderung erstellt.
Status: Konzeptueller Essay mit theoretischer Modellbildung; empirische Prüfung des Modells steht aus.

 

1. Theoretischer Ausgangspunkt und Grundannahmen

Organisationen sind nicht nur Leistungssysteme, sondern auch Deutungssysteme. Führung wirkt deshalb nie allein über Anweisung, Kontrolle oder Zielvorgaben, sondern immer auch über die Frage, ob Mitarbeitende ihre Tätigkeit als relevant, wertvoll und innerlich anschlussfähig erleben. Genau an dieser Stelle entsteht ein verbreiteter blinder Fleck moderner Führung: Vieles wird gesteuert, aber zu wenig wird erklärt, eingeordnet und bedeutsam gemacht.

Leitfrage des Essays: Wie kann Führung die Bedingungen so gestalten, dass Mitarbeitende ihre Arbeit und ihre Beiträge als subjektiv bedeutsam erleben und daraus tragfähige Selbstmotivation entsteht?

Der Schmerzpunkt, an dem dieser Essay ansetzt, liegt in einer Unterbestimmung von Bedeutsamkeit in der Führungslehre. In der Praxis wird häufig unterstellt, Motivation entstehe vor allem über Ziele, Anreize oder Kommunikation. Diese Gleichsetzung ist psychologisch unzureichend. Menschen engagieren sich langfristig nicht deshalb, weil ihnen etwas lediglich vorgegeben wird, sondern weil sie darin Relevanz, Passung und innere Tragfähigkeit erkennen.

Mit dieser Perspektive schließt der Essay an die bisherige konzeptuelle Reihe an. Im Essay Führungseignung als Systemfaktor (Wagner, 2026c) wurde Führung als zentraler Regulator organisationaler Bedürfnisökologien beschrieben und gezeigt, dass Selbstreflexion, Wir-Gedanke, Begeisterungsfähigkeit, Fehlerkultur und Anpassungsfähigkeit nicht bloß Kompetenzfacetten, sondern systemisch wirksame Bedingungen kollektiver Resonanz darstellen. Diese Werkreihe knüpft konzeptionell an die in Wagner (2026b) entwickelte Bedürfnisökologie von Organisationen an, die Führung als Regulator kollektiver Bedürfnisbefriedigung modelliert. Der vorliegende Beitrag verschiebt den Fokus von der Frage, wer führen sollte, zur Frage, wodurch Führung Bedingungen für Bedeutsamkeitserleben schafft.

Ausgangspunkt des Modells: Wenn Führung nicht nur Verhalten steuert, sondern Bedingungen gestaltet, dann muss erklärbar sein, wie aus äußerer Führungswirkung innere Bedeutsamkeit und Selbstmotivation entstehen. Genau diese Transformationsstrecke bildet das hier entwickelte konzeptuelle Mehrebenenmodell mit seinem zweistufigen Kern aus äußerem und innerem STIMMIG ab.

 

2. Kernthese

Bedeutsamkeit ist keine beiläufige Begleiterscheinung guter Führung, sondern eine eigenständige Führungsleistung. Führung ist psychologisch erst dann voll wirksam, wenn sie nicht nur Richtung, Struktur und Erwartung erzeugt, sondern auch Relevanz, Anschlussfähigkeit und innere Tragfähigkeit vermittelt (Rosso et al., 2010).

Diese Unterscheidung ist zentral, weil Organisationen dazu neigen, objektive Wichtigkeit mit subjektiver Bedeutsamkeit zu verwechseln. Was strategisch relevant ist, ist nicht automatisch motivational anschlussfähig. Genau dort beginnt die Leistung guter Führung: Sie übersetzt äußere Anforderungen in psychologisch tragfähige Bedeutungszusammenhänge (Allan et al., 2019). Empirisch zeigen Meng und Wu (2022), dass transformationale Führung über die Vermittlung von work meaningfulness signifikant mit Work Engagement zusammenhängt – ein Befund, der die hier postulierte Vermittlungslogik von Führung über Bedeutsamkeit zu motivationalen Outcomes empirisch stützt.

Damit ist zunächst keine Theorie der Zielformulierung gemeint, sondern eine allgemeinere Theorie motivationaler Anschlussfähigkeit durch Führung. Die eigentliche Lücke liegt nicht in fehlenden Zielrastern, sondern in einer fehlenden Erklärung dafür, wie Führung Bedingungen für Bedeutsamkeitserleben überhaupt ermöglicht und wie sich diese Ermöglichung von der bloßen Zielformulierung unterscheidet. Genau diese Erklärung entwickelt der vorliegende Essay in den folgenden Kapiteln.

Für Führung ist das folgenreich. Wer Führung primär als Steuerung versteht, unterschätzt die Bedingungsseite von Motivation. Wer Führung dagegen als Ermöglichung von Bedeutsamkeit begreift, verschiebt den Fokus von bloßer Vorgabe zu psychologischer Ermöglichung (Deci & Ryan, 2000).

Bevor diese Kernthese im Modell STIMMIG operationalisiert wird (Kapitel 4), ist zunächst zu klären, warum Bedeutsamkeit als eigenständige psychologische Kategorie überhaupt notwendig ist und wie sie sich theoretisch herleiten lässt. Diese Herleitung ist Gegenstand des folgenden Kapitels.

 

3. Herleitung: Warum Bedeutsamkeit erforderlich ist

Die im vorangehenden Kapitel formulierte Kernthese – dass Führung Bedingungen für Bedeutsamkeitserleben aktiv gestalten muss, statt Bedeutsamkeit voraussetzen zu können – bedarf einer theoretischen Fundierung. Drei Argumentationslinien werden im Folgenden zusammengeführt: erstens die Bestimmung von Bedeutsamkeit als eigenständiger psychologischer Zielzustand, zweitens ihre Verbindung zum Konzept der Stimmigkeit nach Schulz von Thun, und drittens ihre Verankerung in der Self-Determination Theory als übergeordneter motivationstheoretischer Rahmen. Diese drei Linien werden abschließend zu einer gemeinsamen Argumentationsbasis integriert (Kapitel 3.4), die anschließend die Grundlage für das Modell STIMMIG in Kapitel 4 bildet.

3.1 Bedeutsamkeit als psychologischer Zielzustand

Bedeutsamkeit bezeichnet im vorliegenden Essay nicht ein metaphysisches Sinnversprechen, sondern die subjektive Erfahrung, dass Arbeit, Rolle oder Beitrag relevant, wertvoll und selbstbezogen anschlussfähig sind. Im Anschluss an die Integrationsarbeit von Rosso et al. (2010) zur meaningful-work-Forschung wird Bedeutsamkeit hier als subjektive Erfahrung verstanden, in der Arbeit sowohl als persönlich relevant und sinnhaft eingeordnet als auch als lohnend und wertvoll erlebt werden kann. Bedeutsamkeit ist damit keine weiche Zusatzvariable, sondern steht in einem relevanten Zusammenhang mit Engagement, Identifikation und anhaltender Anstrengungsbereitschaft (Rosso et al., 2010).

Begriffliche Festlegung. Um Bedeutungsverschiebungen im weiteren Text zu vermeiden, werden folgende Begriffe im vorliegenden Modell unterschieden: Bedeutsamkeit bezeichnet die subjektive Wahrnehmung, dass Arbeit, Rolle oder Ziel persönlich relevant und wertvoll sind. Sinn bezeichnet eine mögliche inhaltliche Quelle dieser Bedeutsamkeit, etwa einen erkennbaren Beitrag zu einem größeren Zusammenhang. Anschlussfähigkeit bezeichnet die Passung einer Aufgabe oder eines Ziels zu persönlichen Werten, Motiven und Identität. Bedeutsamkeit kann somit aus Sinn, aus Anschlussfähigkeit oder aus deren Kombination entstehen, ohne dass die Begriffe synonym verwendet werden.

3.2 Schulz von Thun: Stimmigkeit als Kongruenzprinzip

Für die kommunikative und relationale Dimension des Modells ist die Konzeption der Stimmigkeit nach Schulz von Thun (2015) anschlussfähig. Stimmigkeit bedeutet dort eine doppelte Passung: zu sich selbst und zur Situation. Für Führung ist das zentral, weil reine Technik ebenso hohl wirken kann wie eine unreflektierte Berufung auf Authentizität. Stimmigkeit bildet deshalb das Kongruenzprinzip des äußeren STIMMIG: Führung wird insbesondere dann nachhaltig motivational wirksam, wenn sie zugleich glaubwürdig und situationsangemessen ist. Schulz von Thun liefert dabei nicht die empirische Herleitung der sieben STIMMIG-Dimensionen selbst; seine Stimmigkeitskonzeption dient vielmehr als übergeordnetes Kongruenzprinzip, das die Beziehung zwischen äußerer Führungsgestaltung und innerem Erleben theoretisch rahmt, ohne dass der Akronym-Begriff STIMMIG mit Schulz von Thuns Terminologie identisch wäre.

3.3 Self-Determination Theory als Wirklogik

Die Self-Determination Theory (Deci & Ryan, 2000) liefert die zentrale Wirklogik des Modells. Sie beschreibt Motivation als Qualitätsfrage: Menschen handeln nachhaltiger, wenn Regulationsformen nicht nur befolgt, sondern internalisiert und in das eigene Selbst integriert werden. Autonomieunterstützung, Kompetenzbestätigung und Verbundenheit adressieren dabei die drei psychologischen Grundbedürfnisse der SDT; rationale Begründungen sind kein viertes Grundbedürfnis, sondern eine unterstützende Kontextbedingung, die Internalisierungsprozesse zusätzlich erleichtern kann (Gagné & Deci, 2005). Empirisch ist dieser Zusammenhang für Führungsverhalten robust bestätigt: Eine Meta-Analyse über 72 Studien mit 32.870 Beschäftigten zeigt, dass autonomieunterstützende Führung signifikant mit selbstbestimmter Arbeitsmotivation korreliert (Slemp et al., 2018). Ergänzend zeigt der aktuelle konzeptuelle Review von McAnally und Hagger (2024), dass die Übertragung von SDT-Prinzipien auf Workplace-Kontexte weiterhin aktiver Forschungsgegenstand ist, was den hier vorgenommenen Theorietransfer zusätzlich stützt.

3.4 Theoretische Integration

Aus der Verbindung dieser Befunde ergibt sich die Prozesslogik des Modells: Führung gestaltet kommunikative, relationale und strukturelle Bedingungen; diese erhöhen die wahrgenommene Bedeutsamkeit; Bedeutsamkeit erleichtert Internalisierung; Internalisierung stärkt Selbstmotivation; Selbstmotivation äußert sich in Zielverfolgung und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Aufgabenerfüllung; die erlebte Wirksamkeit stabilisiert wiederum die Wahrnehmung von Bedeutsamkeit. Das STIMMIG-Modell ist damit kein Ersatz bestehender Theorien, sondern ein Integrationsrahmen auf der Ebene motivationaler Vermittlung.

 

4. Das Modell STIMMIG

Nachdem die theoretische Herleitung in Kapitel 3 die Notwendigkeit einer vermittelnden Konstruktebene begründet hat, wird im Folgenden das Modell STIMMIG in seiner vollständigen Architektur entfaltet – von seinem konzeptuellen Status über die beiden Modellebenen bis hin zu den daraus abgeleiteten Annahmen und testbaren Hypothesen.

4.1 Modellstatus und Abgrenzung

STIMMIG ist das Akronym des vorliegenden Modells und steht für sieben Dimensionen, die in zwei Varianten auftreten: als äußeres STIMMIG (Sichtbarkeit, Tiefe, Individualität, Mitgestaltung, Momente, Impact-Kommunikation, Gemeinschaft) auf der Ebene der Führungsgestaltung und als inneres STIMMIG (Sinnvoll, Treffend, Inspirierend, Motivierend, Mitwachsend, Integriert, Gefühlt) auf der Ebene des subjektiven Erlebens. Beide Varianten sind keine Führungsprinzipien im engeren Sinn, sondern beschreiben zwei komplementäre Betrachtungsebenen desselben Phänomens: wie Führung Bedingungen für Bedeutsamkeitserleben schafft (äußeres STIMMIG) und wie erlebte Bedeutsamkeit motivational internalisiert wird (inneres STIMMIG).

STIMMIG wird im vorliegenden Essay als theorie- und evidenzbasiertes konzeptuelles Mehrebenenmodell mit zweistufigem Kern eingeführt: Es verknüpft eine vorgelagerte personenbezogene Bedingungsebene (Führungseignung), eine Verhaltensebene (Führungsverhalten), eine formative Führungsarchitektur (äußeres STIMMIG), einen psychologischen Vermittlungsprozess (Bedeutsamkeit, Internalisierung), eine subjektive Erlebnisqualität (inneres STIMMIG) und motivationale sowie verhaltensbezogene Outcomes (Selbstmotivation, Aufgabenerfüllung) zu einer einzigen Prozesskette. Die äußere STIMMIG-Ebene wird als formative Führungsarchitektur konzeptualisiert: Ihre sieben Elemente bilden gemeinsam eine Struktur der Bedeutsamkeitsermöglichung, ohne dass eines der Elemente für sich allein das Konstrukt vollständig repräsentiert, und ohne dass sie notwendigerweise hoch miteinander korrelieren oder wechselseitig austauschbar sein müssen; jede Dimension kann einen eigenständigen Beitrag zur Gesamtwirkung leisten (etwa ein Team mit ausgeprägter Mitgestaltung, aber geringer Sichtbarkeit). Für die innere STIMMIG-Ebene ist diese formative Modellierung dagegen nicht ohne Weiteres übertragbar: Die sieben inneren Erlebnisqualitäten – Sinnvoll, Treffend, Inspirierend, Motivierend, Mitwachsend, Integriert, Gefühlt – lassen sich ebenso plausibel als korrelierte Facetten eines übergeordneten subjektiven Zustands verstehen, da ein Ziel, das als sinnvoll, treffend und integriert erlebt wird, wahrscheinlich auch häufiger als motivierend und gefühlt erlebt wird. Die genaue Messmodellierung des inneren STIMMIG bleibt daher offen; je nach empirischer Prüfung kann eine reflektive, formative oder multidimensionale Spezifikation angemessen sein. STIMMIG ist damit weder identisch mit Self-Determination Theory noch mit Meaningful Work, Goal-Setting-Theory oder Transformational Leadership; es integriert Anschlussstellen dieser Forschungsstränge in eine spezifische Prozessarchitektur der Führungswirkung.

Führungseignung wird an dieser Stelle bewusst nur als exogene Rahmenbedingung benannt, nicht aber inhaltlich entfaltet: Ihre spezifische Wirkung auf Führungsverhalten und die daraus resultierenden Moderationseffekte werden erst in Kapitel 5 im Anschluss an die Darstellung von äußerem und innerem STIMMIG systematisch hergeleitet, um die Prozesslogik des Kernmodells (Kapitel 4.2–4.7) nicht vorzeitig zu verkomplizieren.

Die inhaltliche Auswahl der sieben Dimensionen ist dabei nicht beliebig, sondern lässt sich in beiden Varianten auf die drei in Kapitel 3 hergeleiteten Theoriestränge zurückführen: Sichtbarkeit, Tiefe und Gemeinschaft (äußeres STIMMIG) sowie Gefühlt und Integriert (inneres STIMMIG) knüpfen an die relationale und kongruenzbezogene Stimmigkeitskonzeption nach Schulz von Thun (2015) an; Mitgestaltung sowie Sinnvoll, Treffend und Motivierend sind unmittelbar aus den SDT-Bedingungen Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit abgeleitet (Deci & Ryan, 2000); Individualität, Momente, Impact-Kommunikation sowie Inspirierend und Mitwachsend greifen Befunde der meaningful-work-Forschung zu Person-Aufgaben-Passung (Kristof-Brown et al., 2005), Reflexion (Kolb, 1984) und erkennbarer Wirkung (Grant, 2008) auf. Dass genau sieben Dimensionen pro Ebene gewählt wurden, ist eine pragmatische Modellierungsentscheidung zur Sicherung von Merkfähigkeit und Anwendbarkeit im Führungsalltag; sie besitzt keine eigenständige theoretische Notwendigkeit und bleibt empirisch überprüfbar. Die Dimensionen wurden zunächst als konzeptionelle Synthese aus den in Kapitel 3 hergeleiteten Theoriesträngen entwickelt und im Anschluss theoriebezogen begründet, nicht umgekehrt deduktiv aus einzelnen Theorien abgeleitet; der wissenschaftliche Beitrag des Modells liegt gerade in dieser Integrationsleistung, nicht in der Neuerfindung der einzelnen psychologischen Mechanismen.

Theoretischer Status der sieben Dimensionen. Die sieben Dimensionen sind nicht als empirisch abschließend validierte Taxonomie zu verstehen. Sie bilden vielmehr ein konzeptuelles, formatives Set von Führungsbedingungen, die unterschiedliche, nicht vollständig austauschbare Wege der Bedeutsamkeitsermöglichung repräsentieren. Ihre Auswahl folgt der theoretischen Integration von Anerkennung und Sichtbarkeit (Kluger & DeNisi, 1996), relationaler Qualität und Zugehörigkeit (Baumeister & Leary, 1995), Person-Aufgaben-Passung (Kristof-Brown et al., 2005), Autonomie (Deci & Ryan, 2000), reflexiver Bedeutungsverdichtung (Kolb, 1984), wahrgenommenem Impact (Grant, 2008) und sozialer Identifikation (Tajfel & Turner, 1979). Ob genau diese Aufteilung die einzig mögliche ist oder ob sich künftig eine achte Dimension als notwendig erweist, kann erst eine empirische Prüfung der formativen Konstruktstruktur (vgl. Kapitel 7.2) zeigen.

Nachdem STIMMIG als Akronym aufgelöst und in seine beiden Varianten differenziert wurde, beschreibt der folgende Abschnitt den Wirkmechanismus, über den äußeres STIMMIG in inneres STIMMIG übergeht, bevor die einzelnen Dimensionen im Detail entfaltet werden.

4.2 Modellmechanismus

Der Modellmechanismus folgt einer klaren Prozesslogik. Führung fördert zunächst kommunizierte Relevanz, dann relationale Anschlussfähigkeit und schließlich Handlungsspielraum. Diese Bedingungen erhöhen das Erleben von Sichtbarkeit, Tiefe, Individualität, Mitgestaltung, Momenten, Impact und Gemeinschaft. Aus dieser Konstellation kann innere Bedeutsamkeit entstehen, die wiederum die Internalisierung einer Ziel- oder Arbeitsanforderung fördert. Internalisierte Ziele werden eher selbstmotiviert verfolgt, wodurch Aufgabenerfüllung wahrscheinlicher wird. Erfolgreiche Aufgabenerfüllung kann im Rücklauf die Erfahrung von Wirksamkeit und Bedeutsamkeit verstärken und damit einen selbstverstärkenden Prozess begünstigen; diese Rückkopplung ist bislang theoretisch plausibel, aber noch nicht eigenständig empirisch geprüft. STIMMIG beschreibt damit einen gerichteten, rückgekoppelten Prozess und nicht nur eine Liste günstiger Merkmale.

Dieser Mechanismus lässt sich anhand von Abbildung 2 nachvollziehen: Führung wirkt zunächst auf äußeres STIMMIG, äußeres STIMMIG ermöglicht inneres STIMMIG, inneres STIMMIG trägt Selbstmotivation, und Selbstmotivation führt zu Aufgabenerfüllung. Die einzelnen Pfeile entsprechen den in Kapitel 4.7 formulierten Hypothesen H1 bis H5. Die Abbildung gliedert diesen Pfad zugleich in zwei Zonen: eine Zone der Führungsverhaltens, die von außen gestaltbar ist, und eine Zone der Selbststeuerung, die im Erleben und Handeln der Person selbst liegt. Um diesen Mechanismus inhaltlich zu verstehen, werden im Folgenden zunächst die sieben Dimensionen des äußeren STIMMIG (Kapitel 4.3) und anschließend die sieben Dimensionen des inneren STIMMIG (Kapitel 4.4) im Detail entfaltet.

4.3 Äußeres STIMMIG

Äußeres STIMMIG bezeichnet die sieben Führungsbedingungen, die eine Führungskraft aktiv gestalten kann, um bei Mitarbeitenden Bedeutsamkeit zu ermöglichen. Jede der sieben Dimensionen adressiert einen unterschiedlichen Aspekt der Führungsbeziehung; gemeinsam bilden sie die Architektur, aus der inneres STIMMIG hervorgehen kann. Jede Dimension wird im Folgenden zusätzlich mit ihrem spezifischen evidenzbasierten Bezug ausgewiesen.

S Sichtbarkeit

Sichtbarkeit bezeichnet die wahrnehmbare Würdigung von Einsatz, Beitrag und Weg. Nicht nur Ergebnisse, auch Anstrengung, Lernfortschritt und Prozessleistung werden wahrgenommen.

Evidenzbezug: Die Metaanalyse von Kluger und DeNisi (1996) zeigt, dass Feedback-Interventionen Verhalten und Leistung beeinflussen können, wobei die Wirkung von der Art und dem Fokus des Feedbacks abhängt. Der vorliegende Essay leitet daraus nicht unmittelbar eine Validierung der Dimension „Sichtbarkeit“ ab, sondern nutzt den Befund als theoretischen Anschluss für die Annahme, dass wahrgenommene Rückmeldung zu Leistung, Fortschritt und Beitrag eine relevante Führungsbedingung darstellen kann.

T Tiefe

Tiefe bezeichnet die Qualität der Führungsbeziehung jenseits rein transaktionaler Abstimmung. Gemeint sind regelmäßige Gespräche über Motive, Hürden, Belastungen und persönliche Antriebe.

Evidenzbezug: Baumeister und Leary (1995) zeigen in ihrer Übersichtsarbeit zum "need to belong", dass stabile, bedeutsame zwischenmenschliche Beziehungen ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis darstellen; diese Forschung zur Zugehörigkeitsmotivation liefert einen allgemeinen theoretischen Hintergrund für die Annahme, dass stabile und bedeutsame soziale Beziehungen auch für die motivationalen Erfahrungen von Mitarbeitenden relevant sein können. Die spezifische Ausgestaltung von „Tiefe“ als Führungsdimension stellt dabei eine konzeptionelle Übertragung dar und bedarf eigenständiger empirischer Prüfung.

I Individualität

Individualität meint die Wahrnehmung von Mitarbeitenden in ihrer spezifischen Stärken-, Motiv- und Passungsstruktur. Aufgaben werden so weit wie möglich auf Potenzial und Person-Aufgaben-Passung bezogen.

Evidenzbezug: Die Metaanalyse von Kristof-Brown et al. (2005) zu Person-Job-Fit zeigt über 172 Studien einen robusten Zusammenhang zwischen individueller Passung und Arbeitszufriedenheit sowie Leistung und stützt damit die theoretische Annahme, dass wahrgenommene Person-Aufgaben-Passung für arbeitsbezogene Einstellungen und Verhalten relevant sein kann. Das Konzept des Job Crafting (Wrzesniewski & Dutton, 2001) zeigt zudem, dass Mitarbeitende Aufgaben aktiv an ihre individuelle Stärken- und Motivstruktur anpassen können, wenn entsprechende Spielräume bestehen. Der spezifische Beitrag einer individualisierenden Führungszuweisung zur Bedeutsamkeitsermöglichung bleibt jedoch empirisch zu prüfen.

M Mitgestaltung

Mitgestaltung bezeichnet echte Spielräume bei Aufgaben, Zielwegen, Prioritäten und Entscheidungen. Verantwortung wird übertragen, statt nur kontrolliert zu werden.

Evidenzbezug: Autonomie ist eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse der Self-Determination Theory (Deci & Ryan, 2000; siehe Kapitel 3.3) und empirisch mit Internalisierung und Selbstmotivation verknüpft.

M Momente

Momente bezeichnet gezielte Reflexionsräume, in denen bedeutsame Erlebnisse sichtbar gemacht und verdichtet werden. Retrospektiven und Teamgespräche sichern diese Erfahrung gegen Vergessen und Routine ab.

Evidenzbezug: Kolbs (1984) Modell des erfahrungsbasierten Lernens bietet einen theoretischen Anschluss für die Annahme, dass die Reflexion konkreter Erfahrungen deren Verarbeitung und Weiterverwendung unterstützen kann. Anders als bei den übrigen sechs Dimensionen handelt es sich bei Momente um einen wiederkehrenden Reflexionsprozess statt um einen dauerhaften Gestaltungszustand. Diese prozessuale Eigenart wird hier nicht als Schwäche, sondern als ergänzende Funktion verstanden: Wiederkehrende Reflexionsmomente können dazu beitragen, die Wahrnehmung und Bedeutung bereits erlebter Führungsbedingungen über die Zeit hinweg zu stabilisieren und gegen Vergessen oder Gewöhnung abzusichern. Sichtbarkeit, Tiefe oder Mitgestaltung können zwar situativ vorhanden sein, ihre subjektive Bedeutung muss jedoch nicht dauerhaft stabil bleiben. Momente übernimmt im Modell daher eine potenziell katalytische Funktion gegenüber den anderen Dimensionen, deren empirische Eigenständigkeit und spezifischer Zusatzbeitrag noch zu prüfen sind.

I Impact

Impact kommunizieren heißt, die Wirkung von Arbeit auf Kundinnen und Kunden, Kolleginnen und Kollegen, Organisation und Gesellschaft sichtbar zu machen. Bedeutsamkeit steigt, wenn Folgen erkennbar werden.

Evidenzbezug: Grant (2008) zeigt experimentell, dass die Wahrnehmung der Bedeutung und Wirkung einer Aufgabe – Task Significance – Leistung und Persistenz beeinflussen kann. Der vorliegende Essay überträgt diesen Befund konzeptionell auf die Führungsaufgabe, die Wirkung eigener Arbeit sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Ob diese Form der Impact-Kommunikation tatsächlich einen eigenständigen Beitrag zur Bedeutsamkeitsermöglichung leistet, ist empirisch zu prüfen.

G Gemeinschaft

Gemeinschaft beschreibt die Fähigkeit von Führung, aus Einzelleistungen, Erfahrungen und Zielen ein geteiltes Deutungs- und Zugehörigkeitsmuster zu formen. Sinn bleibt dadurch nicht fragmentiert, sondern kollektiv anschlussfähig.

Evidenzbezug: Verbundenheit als drittes SDT-Grundbedürfnis (Deci & Ryan, 2000) und der Befund von Baumeister und Leary (1995) zum "need to belong" stützen gemeinsam die motivationale Relevanz kollektiver Zugehörigkeit; die soziale Identitätstheorie (Tajfel & Turner, 1979) erklärt zusätzlich, warum geteilte Gruppenzugehörigkeit das Selbstverständnis und damit auch die Bedeutsamkeitszuschreibung von Individuen prägt.

4.4 Inneres STIMMIG

Inneres STIMMIG bezeichnet die sieben subjektiven Erlebnis- und Bewertungsqualitäten, die im Zuge der erfolgreichen Internalisierung einer Ziel- oder Arbeitsbindung entstehen beziehungsweise diese charakterisieren. Während äußeres STIMMIG beschreibt, was Führung tut, beschreibt inneres STIMMIG, was die Person dabei subjektiv erlebt. Auch das innere STIMMIG lässt sich, analog zum äußeren STIMMIG, in sieben Dimensionen aufschlüsseln:

S Sinnvoll

Warum ist dieses Ziel für die Person wichtig? Welchen inneren Wert hat es für sie? Sinnvoll erlebte Ziele sind an persönliche Werte und Überzeugungen rückgebunden, nicht nur an externe Vorgaben.

Evidenzbezug: Rosso et al. (2010) zeigen, dass Bedeutsamkeit erst entsteht, wenn Arbeit sowohl als persönlich relevant als auch als werthaltig erlebt wird (siehe Kapitel 3.1).

T Treffend

Wie genau passt das Ziel zu den aktuellen Bedürfnissen und Werten der Person? Treffend erlebte Ziele fühlen sich stimmig an, weil sie an bestehende Motivlagen anschließen, statt ihnen zu widersprechen.

Evidenzbezug: Die Kongruenzkonzeption von Schulz von Thun (2015; siehe Kapitel 3.2) beschreibt genau diese doppelte Passung zu sich selbst und zur Situation als Kern von Stimmigkeit.

I Inspirierend

Welche positiven Bilder oder Vorstellungen entstehen, wenn die Person an das Erreichen des Ziels denkt? Inspiration entsteht, wenn ein Ziel eine erwünschte Zukunft imaginierbar macht.

Evidenzbezug: Inspirierend bezeichnet die subjektive Erfahrung, dass eine Ziel- oder Arbeitsbindung eine positiv antizipierte Zukunft eröffnet und dadurch motivational anziehend wirkt. Empirische Forschung zu Visionen und Zielverfolgung liefert hierfür einen direkten theoretischen und empirischen Anschluss: Visionen können positive Affekte auslösen, diese auf daraus abgeleitete Ziele übertragen und dadurch Zielbindung und Zielprogress fördern (Voigt et al., 2024). Ergänzend konzeptualisieren Thrash und Elliot (2003) Inspiration als einen psychologischen Prozess, der durch Evokation, Motivation und Transzendenz gekennzeichnet ist. Im STIMMIG-Modell wird daraus die weiterführende Annahme abgeleitet, dass eine als inspirierend erlebte Zukunftsperspektive die subjektive Qualität einer internalisierten Ziel- oder Arbeitsbindung erhöhen kann. Diese spezifische Verbindung stellt eine Modellannahme dar und ist empirisch eigenständig zu prüfen.

M Motivierend

Spricht mich dieses Ziel motivational an, unabhängig davon, ob ich es bereits tatsächlich aus eigener Initiative verfolge? Motivierend bezeichnet damit nicht die tatsächliche Selbstmotivation selbst, sondern die subjektiv wahrgenommene motivational-affektive Anschlussfähigkeit eines Ziels – die Einschätzung "Dieses Ziel spricht mich an", losgelöst von der Frage, ob daraus bereits gehandelt wird.

Evidenzbezug: Gagné und Deci (2005) zeigen, dass diese wahrgenommene Anschlussfähigkeit im Sinne autonomer Motivationsformen der SDT mit höherem späterem Engagement und Persistenz einhergeht als kontrollierte Regulationsformen. Abgrenzung zu Selbstmotivation: Motivierend beschreibt die Anziehungskraft eines Ziels ("Dieses Ziel spricht mich motivational an"), Selbstmotivation dagegen das tatsächliche, aus eigener Initiative getragene und aufrechterhaltene Verfolgungsverhalten ("Ich verfolge dieses Ziel aus eigener Initiative und halte die Verfolgung aufrecht"). Diese enger gefasste Definition soll vermeiden, dass Motivierend als bloßer Teilindikator des Outcomes Selbstmotivation erscheint; ob sich diese Abgrenzung empirisch trennscharf bestätigt, ist eine offene, empirisch zu prüfende Frage.

M Mitwachsend

Inwiefern kann sich das Ziel entwickeln oder an Veränderungen im Leben der Person anpassen? Mitwachsende Ziele bleiben tragfähig, auch wenn sich Umstände oder Prioritäten verschieben.

Evidenzbezug: Mitwachsend bezeichnet die subjektiv erlebte Fähigkeit einer Ziel- oder Arbeitsbindung, sich im Zuge persönlicher, situativer oder biografischer Veränderungen weiterzuentwickeln, ohne dass ihre grundlegende subjektive Bedeutsamkeit vollständig verloren geht. Die Organismic Integration Theory (Ryan & Deci, 2022; siehe Kapitel 4.5) beschreibt Internalisierung zwar als stufenweisen Prozess, ist jedoch primär eine Theorie der Regulationsübernahme und nicht spezifisch eine Theorie der Zielanpassung über Zeit; ein direkterer theoretischer Anschluss ergäbe sich aus der Forschung zu Goal Adjustment und Goal Flexibility, die im vorliegenden Essay noch nicht systematisch herangezogen wird. Diese Dimension gilt daher als konzeptionell plausibel, aber theoretisch bislang am wenigsten abgesichert unter den inneren STIMMIG-Dimensionen.

I Integriert

Wie harmoniert das Ziel mit Alltag und anderen Verpflichtungen der Person? Integrierte Ziele stehen nicht in chronischem Konflikt mit anderen Lebensbereichen.

Evidenzbezug: Vollständig internalisierte Regulation gilt in der SDT (Deci & Ryan, 2000) als die Stufe, auf der ein Ziel widerspruchsfrei in das übrige Selbst- und Werteverständnis eingebettet ist.

G Gefühlt

Welche Gefühle entstehen bei dem Gedanken an das Ziel? Gefühlt bedeutsame Ziele lösen eine spürbare affektive Resonanz aus, nicht nur eine kognitive Zustimmung.

Evidenzbezug: Rosso et al. (2010) betonen, dass Bedeutsamkeit keine rein kognitive Bewertung, sondern eine erlebte, affektiv getragene Qualität von Arbeit ist.

Eine subjektiv affektiv getragene Zielbindung kann dabei eine zusätzliche motivational-affektive Qualität bereitstellen, die über bloße kognitive Zustimmung hinausgeht. Im vorliegenden Modell wird daher angenommen, dass die affektive Resonanz eines Ziels die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen und selbstinitiierten Zielverfolgung erhöhen kann, ohne sie als notwendige Voraussetzung jeder erfolgreichen Zielerreichung zu postulieren. Diese sieben Dimensionen des inneren STIMMIG stehen nicht additiv nebeneinander, sondern beschreiben gemeinsam subjektive Qualitäten, unter denen eine internalisierte Ziel- oder Arbeitsbindung erlebt werden kann. Im Rahmen des vorliegenden Modells wird angenommen, dass eine solche subjektiv stimmige und tragfähige Internalisierung die Wahrscheinlichkeit selbstinitiierter und aufrechterhaltener Zielverfolgung erhöhen kann. Diese Annahme stellt eine spezifische Modellintegration dar und ist nicht mit der Aussage gleichzusetzen, dass Internalisierung automatisch zu Selbstmotivation führt.

Zur ausführlichen Abgrenzung von innerem STIMMIG und der Self-Determination Theory siehe Kapitel 8.

Nachdem beide Ebenen des Modells im Detail entfaltet wurden, stellt sich die Frage, wie sich äußeres und inneres STIMMIG theoretisch zueinander verhalten. Diese Abgrenzung wird im folgenden Abschnitt vorgenommen, bevor die zugrunde liegenden Modellannahmen formuliert werden.

4.5 Theoretische Abgrenzung: äußeres vs. inneres STIMMIG

Äußeres und inneres STIMMIG unterscheiden sich kategorial, nicht nur graduell. Äußeres STIMMIG bezeichnet die von Führung gestaltbaren bzw. beobachtbaren Führungsbedingungen, die von Mitarbeitenden als stimmig und bedeutsamkeitsförderlich wahrgenommen werden können; damit ist ausdrücklich nicht behauptet, dass diese Bedingungen unabhängig von ihrer Wahrnehmung wirken – zwischen dem, was Führung tut, und dem, wie diese Führungssituation subjektiv erlebt wird, liegt stets ein Wahrnehmungsschritt. Inneres STIMMIG bezeichnet demgegenüber nicht die Internalisierung selbst, sondern die subjektiv erlebte Qualität einer bereits internalisierten Ziel- oder Arbeitsbindung: wie stimmig, tragfähig und persönlich anschlussfähig sich diese Bindung anfühlt. Die Beziehung zwischen beiden Ebenen ist damit nicht additiv, sondern transformativ: Äußeres STIMMIG erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Bedeutsamkeit erlebt und in der Folge internalisiert wird, ohne inneres STIMMIG vollständig zu determinieren. Auch ohne ausgeprägtes äußeres STIMMIG kann eine Person eine Tätigkeit als sinnvoll erleben und ein Ziel internalisieren – etwa aufgrund starker persönlicher Werte oder intrinsischen Interesses an der Aufgabe selbst; äußeres STIMMIG ist damit eine potenziell förderliche, aber keine notwendige Bedingung für inneres STIMMIG.

Begriffliche Trennschärfe der Kernkonstrukte. Um die in Kapitel 4.7 formulierten Hypothesen nicht als tautologisch erscheinen zu lassen, werden die vier zentralen psychologischen Konstrukte des vermittelnden Modellpfads hier explizit nach Ebene und Leitfrage unterschieden:

KonstruktEbeneLeitfrage
BedeutsamkeitBewertungIst das für mich wichtig und wertvoll?
InternalisierungRegulationsprozessÜbernehme ich die externe Anforderung als eigene Regulation?
Inneres STIMMIGErlebnisqualitätErlebt sich die internalisierte Zielbindung als passend, stimmig und tragfähig?
SelbstmotivationVerhaltenstendenzVerfolge ich das Ziel aus eigener Initiative und halte ich daran fest?

Diese Trennung ist auch für die Abgrenzung von Bedeutsamkeit und innerem STIMMIG zentral: Bedeutsamkeit ist nicht die Summe der inneren STIMMIG-Dimensionen, sondern die initiale subjektive Bewertung, dass eine Arbeit oder ein Ziel relevant und wertvoll ist. Inneres STIMMIG beschreibt dagegen die differenzierte Qualität der anschließenden persönlichen Aneignung und Integration dieser Bedeutsamkeit – insbesondere in den Dimensionen Sinnvoll, Treffend und Integriert, die auf den ersten Blick nahe an Bedeutsamkeit liegen, aber die im vorliegenden Modell als Qualitäten einer bereits internalisierten und nicht lediglich initial bewerteten Bindung konzeptualisiert werden. Bedeutsamkeit ist zudem im STIMMIG-Modell kein notwendiger und allein hinreichender Mechanismus der Internalisierung, sondern stellt eine subjektive Bewertungsbedingung dar, unter der Internalisierung wahrscheinlicher werden kann; die Self-Determination Theory selbst modelliert Internalisierung primär über die Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse, nicht zwingend über einen eigenständigen Bedeutsamkeits-Zwischenschritt.

Diese zeitlich-funktionale Trennung (initiale Bewertung vs. nachgelagerte Erlebnisqualität) ist theoretisch begründet, aber messmethodisch noch ungeprüft. Sollte sich in künftigen Erhebungen zeigen, dass Bedeutsamkeit und die Dimensionen Sinnvoll, Treffend und Integriert empirisch nicht trennbar sind (z. B. durch zu hohe Interkorrelationen oder mangelnde diskriminante Validität), wäre dies kein Widerspruch zum Modell, sondern ein Hinweis darauf, dass Bedeutsamkeit selbst besser als erste, noch unspezifische Ausprägung des internalisierten Zustands zu verstehen ist, statt als separater vorgelagerter Schritt. Diese Möglichkeit wird hier explizit als Grenze der aktuellen Konzeptualisierung benannt (vgl. Kapitel 7.2).

Internalisierung außen -> innen SichtbarkeitTiefeIndividualitätMitgestaltungMomenteImpactGemeinschaft sinnvolltreffendinspirierendmotivierendmitwachsendintegriertgefühlt Äußerer Ring: äußeres STIMMIG | Innerer Ring: inneres STIMMIG
Abbildung 1. Äußeres und inneres STIMMIG als konzentrische Ringe: der äußere Ring zeigt die sieben Führungsbedingungen, der innere Ring die korrespondierenden Qualitäten der motivationalen Internalisierung.

Diese Unterscheidung ist theoretisch in der Organismic Integration Theory verankert, einem Teilstrang der Self-Determination Theory, der beschreibt, wie extern angeregte Handlungsregulation stufenweise in selbstbestimmte Motivation überführt wird (Ryan & Deci, 2022). Autonomieunterstützendes Führungsverhalten begünstigt diesen Internalisierungsprozess empirisch robust: Eine Meta-Analyse über 72 Studien und 32.870 Beschäftigte zeigt, dass wahrgenommene autonomieunterstützende Führung signifikant mit selbstbestimmter Arbeitsmotivation korreliert, wobei der Zusammenhang mit zunehmend internalisierten Motivationsformen stärker wird (Slemp et al., 2018). Damit liefert die SDT-Forschung eine wichtige empirische Anschlussstelle für den im STIMMIG-Modell postulierten Übergang von bestimmten Führungsbedingungen zu selbstbestimmter Motivation. Sie validiert jedoch nicht den spezifischen STIMMIG-Pfad und stellt insbesondere keinen direkten empirischen Nachweis der Beziehungen zwischen äußerem STIMMIG, Bedeutsamkeit, Internalisierung und innerem STIMMIG dar.

Nachdem diese theoretische Abgrenzung geklärt ist, lassen sich die zugrunde liegenden Modellannahmen präzise formulieren.

4.6 Modellannahmen

Aus dem beschriebenen Mechanismus und der Differenzierung der beiden STIMMIG-Ebenen lassen sich sechs Modellannahmen ableiten, die im weiteren Essay als Grundlage für empirisch prüfbare Hypothesen dienen:

Modellannahme 1: Äußeres STIMMIG erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende Arbeit, Rolle und Beitrag als bedeutsam erleben.
Modellannahme 2: Wahrgenommene Bedeutsamkeit fördert die Internalisierung externer Anforderungen in selbstbestimmtere Motivation.
Modellannahme 3: Inneres STIMMIG bezeichnet die subjektiv erlebte Qualität einer internalisierten Ziel- oder Arbeitsbindung. Es wird als proximale psychologische Vermittlung zwischen dem Grad der Internalisierung und selbstmotivierter Zielverfolgung konzeptualisiert. Der Gesamtzusammenhang zwischen Führungsverhalten und Selbstmotivation wird daher als sequenzielle Kette aus äußerem STIMMIG, Bedeutsamkeit, Internalisierung und der subjektiven Qualität der internalisierten Bindung modelliert. Ob diese subjektive Erlebnisqualität empirisch einen eigenständigen vermittelnden Beitrag über den Internalisierungsgrad hinaus leistet, ist eine zentrale offene Prüfannahme des Modells.
Modellannahme 4: SMART verbessert Zielklarheit und Formalisierung, beeinflusst Internalisierung jedoch nicht unmittelbar.
Modellannahme 5: Die sieben Elemente des äußeren STIMMIG wirken nicht isoliert, sondern in Kombination als Führungsarchitektur der Bedeutsamkeitsermöglichung.
Modellannahme 6: Rückkopplungen zwischen erlebter Bedeutsamkeit, Motivation und Zielerreichung stabilisieren die Wahrnehmung weiterer Bedeutsamkeit über Zeit. Diese Rückkopplungsschleife ist Bestandteil der theoretischen Modellannahmen, wird jedoch weder in den nachfolgenden Hypothesen noch in den Abbildungen abgebildet und sollte in einer ersten empirischen Prüfung zunächst als sekundäre Erweiterung des primären gerichteten Pfads behandelt werden.

Diese Modellannahmen lassen sich in überprüfbare Hypothesen überführen, die im folgenden Abschnitt formuliert und anschließend grafisch als Hypothesenpfad dargestellt werden.

4.7 Testbare Hypothesen

Die folgenden Hypothesen bilden die im Essay entwickelte Prozesskette Schritt für Schritt ab, statt einzelne Zwischenschritte zu überspringen. Sie sind als Modellannahmen zu verstehen, die einer empirischen Prüfung noch bedürfen, nicht als bereits bestätigte Befunde. Weitere Hypothesen zur Rolle von Führungseignung und SMART werden erst in den Kapiteln entwickelt, die diese Konstrukte inhaltlich einführen (Kapitel 5 bzw. Kapitel 6).

  • H1: Ausgeprägtes äußeres STIMMIG sagt wahrgenommene Bedeutsamkeit positiv vorher.
  • H2: Wahrgenommene Bedeutsamkeit steht in positivem Zusammenhang mit dem Grad der Internalisierung einer Ziel- oder Arbeitsanforderung; Bedeutsamkeit wird dabei als eine unter mehreren begünstigenden Bedingungen der Internalisierung verstanden, nicht als deren alleiniger oder notwendiger Auslöser.
  • H3: Ein höherer Grad der Internalisierung geht mit einer höheren subjektiv erlebten Stimmigkeit der internalisierten Zielbindung (innerem STIMMIG) einher. Internalisierung bezeichnet dabei den psychologischen Regulationsprozess selbst, inneres STIMMIG dessen subjektive Erlebnisqualität; die Formulierung ist deshalb bewusst korrelativ statt kausal gehalten. Ob beide Konstrukte empirisch trennscharf sind oder denselben Prozess auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen beschreiben, bleibt eine offene, empirisch zu prüfende Frage.
  • H4: Eine höhere subjektiv erlebte Stimmigkeit einer internalisierten Zielbindung (inneres STIMMIG) erhöht die Wahrscheinlichkeit selbstinitiierter und aufrechterhaltener Zielverfolgung als Ausdruck von Selbstmotivation; da inneres STIMMIG kein homogenes psychologisches Konstrukt im engeren Sinne ist, sondern mehrere Erlebnisqualitäten zusammenfasst, ist diese Hypothese nicht als selbstverständlich, sondern als eigenständig prüfungsbedürftig zu behandeln.
  • H5: Selbstmotivation sagt tatsächliche Aufgabenerfüllung positiv vorher.
  • Mediationshypothese: Der Zusammenhang zwischen äußerem STIMMIG und Selbstmotivation wird sequenziell durch Bedeutsamkeit, Internalisierung und inneres STIMMIG vermittelt.

Abbildung 2 stellt diesen psychologischen Kernmechanismus (H1 bis H5) grafisch dar: äußeres STIMMIG wirkt über Bedeutsamkeit und Internalisierung auf inneres STIMMIG, welches wiederum Selbstmotivation und schließlich tatsächliche Aufgabenerfüllung trägt. Der Endpunkt ist hier bewusst als Aufgabenerfüllung und nicht als Zielerreichung im engeren Sinn formuliert: Das Kernmodell setzt keine formale Zielstruktur voraus und erklärt bereits ohne SMART, warum Menschen eine Aufgabe motiviert vollziehen. Erst wenn diese Aufgabenerfüllung im Kontext eines formal spezifizierten, messbaren Ziels erfolgt, lässt sich präziser von Zielerreichung sprechen – diese Verengung wird in Kapitel 6 anhand von SMART entwickelt.

Führungsverhalten Selbststeuerung Äußeres STIMMIG Bedeutsamkeit Internalisierung Inneres STIMMIG Selbst- motivation Aufgaben- erfüllung H1 H2 H3 H4 H5
Abbildung 2. Psychologischer Kernmechanismus (H1–H5) mit den Zonen Führungsverhalten und Selbststeuerung: von äußerem STIMMIG über Bedeutsamkeit und Internalisierung zu innerem STIMMIG, Selbstmotivation und Aufgabenerfüllung.

 

5. Anschluss an Führungseignung

Nachdem STIMMIG als Modell mit äußerer und innerer Ebene sowie den zugehörigen Annahmen und Hypothesen entfaltet wurde, stellt sich die Anschlussfrage, welche Voraussetzungen eine Führungskraft mitbringen muss, um äußeres STIMMIG überhaupt herstellen zu können. Diese Frage führt zurück zu einem früheren, eigenständigen Essay zur Führungseignung (Wagner, 2026c) und wird hier nicht nur angeschlossen, sondern konsequent in die Kausalarchitektur des Gesamtmodells integriert: Wer als Führungskraft nicht hinreichend geeignet ist, wird äußeres STIMMIG – bewusst oder unbewusst – nicht in dem Maße herstellen können, das innere STIMMIG bei Mitarbeitenden ermöglicht. Führungseignung ist damit keine bloße Randbedingung, sondern die vorgelagerte konzeptionelle Bedingung, aus der Führungsverhalten und in der Folge äußeres STIMMIG mit höherer Wahrscheinlichkeit hervorgehen.

Die vollständige Kausalkette lautet entsprechend: Führungseignung wirkt sich auf die Qualität des tatsächlich gezeigten Führungsverhaltens aus; dieses Führungsverhalten wiederum beeinflusst, in welchem Ausmaß äußeres STIMMIG in der Praxis realisiert und von Mitarbeitenden wahrgenommen wird; äußeres STIMMIG erhöht die Wahrscheinlichkeit des Erlebens von Bedeutsamkeit; Bedeutsamkeit stellt eine subjektive Bewertungsbedingung dar, unter der Internalisierung wahrscheinlicher wird; inneres STIMMIG bezeichnet dabei nicht einen der Internalisierung nachgeordneten Schritt, sondern deren subjektiv erlebte Qualität, aus der wiederum Selbstmotivation hervorgeht. Führungseignung ist in dieser Kette kein Bestandteil von STIMMIG selbst, sondern deren vorgelagerte Entstehungsbedingung.

Das STIMMIG-Modell knüpft Führungseignung in mehrfacher Hinsicht an die Realisierung der äußeren STIMMIG-Dimensionen, da jede dieser Dimensionen spezifische psychologische Ressourcen und Verhaltenskompetenzen auf Seiten der Führungskraft erfordern kann. Sichtbarkeit erfordert Selbstreflexion, weil nur eine Führungskraft, die eigene Wirkung und Wahrnehmung reflektiert, Einsatz und Fortschritt anderer differenziert würdigen kann. Tiefe setzt Beziehungskompetenz voraus, da tragfähige Gespräche über Motive und Belastungen psychologische Nähe und Vertrauensfähigkeit erfordern. Individualität verlangt passungsorientierte Wahrnehmung, also die Fähigkeit, Unterschiede zwischen Personen wahrzunehmen, statt Führung schematisch zu standardisieren. Mitgestaltung setzt eine nicht-kontrollierende Grundhaltung voraus, die Kontrollverlust als Preis für Autonomieförderung akzeptiert. Momente erfordern die Bereitschaft, Zeit für Reflexion einzuplanen, statt Führung ausschließlich als Aufgabensteuerung zu verstehen. Impact-Kommunikation setzt Glaubwürdigkeit in der Sinnvermittlung voraus, da Wirkung nur überzeugend vermittelt werden kann, wenn die Führungskraft selbst von ihr überzeugt ist. Gemeinschaft schließlich verlangt einen ausgeprägten Wir-Gedanken, der eigene Profilierung hinter das kollektive Deutungsmuster zurückstellen kann. Diese Zusammenhänge lassen sich zudem an die Motivation-to-Lead-Forschung (Chan & Drasgow, 2001) anschließen, die zeigt, dass die individuelle Bereitschaft und Fähigkeit, Führungsverantwortung zu übernehmen, systematisch mit der Qualität späteren Führungsverhaltens zusammenhängt.

Diese Verbindung zeigt: Führungseignung ist im vorliegenden Modell keine einheitliche allgemeine Charaktereigenschaft, sondern ein Bündel personenbezogener Voraussetzungen und entwicklungsfähiger Ressourcen, die sich entlang der sieben STIMMIG-Dimensionen konkret ausdifferenzieren lassen. Sie wird als vorgelagerte Bedingung der Realisierung äußeren STIMMIGs konzeptualisiert, ohne dass damit eine empirisch bereits nachgewiesene deterministische Kausalbeziehung behauptet wird. Das Modell knüpft damit an den früheren Essay zur Führungseignung an (Wagner, 2026c), verschiebt den Fokus jedoch von der Frage, wer führen sollte, zur Frage, wie Führung motivational wirksam wird, wenn die entsprechende Eignung vorhanden ist.

Im vorliegenden Modell wird Führungseignung als Bündel personenbezogener Voraussetzungen verstanden, die eine Führungskraft dazu befähigen, die sieben äußeren STIMMIG-Bedingungen konsistent und situationsangemessen zu realisieren. Führungsverhalten bildet dabei die konkrete Handlungsebene (etwa: regelmäßige Anerkennung äußern), äußeres STIMMIG die daraus resultierende, von Mitarbeitenden wahrgenommene Bedingungsstruktur (etwa: Sichtbarkeit) – beide sind nicht identisch. Die Gesamtbeziehung wird daher in drei getrennte, empirisch präzisere Hypothesen aufgeteilt:

H6a: Führungseignung sagt die Qualität des gezeigten Führungsverhaltens positiv vorher.

H6b: Die Qualität des Führungsverhaltens sagt das Ausmaß des realisierten äußeren STIMMIG positiv vorher.

H6c: Führungsverhalten vermittelt den Zusammenhang zwischen Führungseignung und äußerem STIMMIG; Führungseignung wirkt damit als vorgelagerte, konzeptionell exogene personenbezogene Bedingungsebene und nicht als Moderator innerhalb des in Kapitel 4.7 entwickelten Kernpfads. Diese Kennzeichnung als exogen bezieht sich auf die konzeptionelle Modellarchitektur, nicht auf eine bereits empirisch nachgewiesene Kausalität. Abbildung 3 stellt diesen Führungspfad grafisch dar.

Führungseignung (personenbezogen) Führungsverhalten (beobachtbar) Äußeres STIMMIG (sieben Dimensionen)
Abbildung 3. Führungspfad (H6): Führungseignung als vorgelagerte konzeptionelle Bedingung von Führungsverhalten und äußerem STIMMIG.

Diese kausale Vorordnung von Führungseignung bedeutet nicht, dass äußeres STIMMIG nur Personen mit bereits hoher initialer Eignung zugänglich ist. Da Führungseignung im vorliegenden Modell selbst als entwicklungsfähiges Bündel psychologischer Ressourcen verstanden wird (vgl. Wagner, 2026c), ist äußeres STIMMIG zugleich als lernbarer Bestandteil von Führungskräfte- und Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen: Dimensionen wie Sichtbarkeit oder Mitgestaltung setzen zwar bestimmte Grundhaltungen voraus, diese Grundhaltungen selbst sind jedoch durch Reflexion, Training und Coaching veränderbar, nicht als stabile Persönlichkeitsmerkmale zu verstehen. Führungseignung kann damit die Wahrscheinlichkeit einer konsistenten Realisierung äußeren STIMMIGs erhöhen, schließt dessen Erlernbarkeit bei geringerer initialer Ausprägung jedoch nicht aus.

Führungseignung bildet damit eine vorgelagerte und potenziell förderliche Bedingungsebene des STIMMIG-Geschehens. Sie kann die Wahrscheinlichkeit einer konsistenten Realisierung äußeren STIMMIGs erhöhen, ist jedoch weder als deterministische Voraussetzung noch als allein hinreichende Bedingung zu verstehen. An diese personenbezogene Bedingungsebene schließen sich Führungsverhalten, formale Zielstrukturierung und die motivationalen Prozesse des STIMMIG-Kernpfads an. Diese Anschlussstelle wird im folgenden Kapitel konkret, indem gezeigt wird, wie sich das etablierte Zielraster SMART zu dieser Rahmung und zum STIMMIG-Kernpfad verhält.

 

6. Zielorientierung als Anwendungsfeld: SMART und STIMMIG

Nachdem theoretische Herleitung, Modellarchitektur und praktische Implikationen von STIMMIG entfaltet wurden, stellt sich die Frage, in welchem konkreten Anwendungsfeld sich das Modell im Führungsalltag unmittelbar greifen lässt. Ein naheliegendes Feld ist die Zielorientierung: Kaum eine Führungspraxis ist so verbreitet wie die Formulierung und Vereinbarung von Zielen, und kaum ein Zielrahmen ist dabei so etabliert wie SMART. Wie im Folgenden gezeigt wird, lässt sich an genau diesem Anwendungsfeld exemplarisch zeigen, was STIMMIG gegenüber einem rein formalen Zielrahmen zusätzlich leistet:

Ziele werden SMART definiert und STIMMIG verinnerlicht.

Um diese Verzahnung nachvollziehbar zu machen, wird zunächst SMART als übergeordneter, in der Managementpraxis etablierter Zielrahmen eingeführt, bevor STIMMIG als motivationale Tiefenstruktur dieses Rahmens positioniert wird. Der Begriff SMART wird in der Managementliteratur meist auf Doran (1981) zurückgeführt, der Ziele nach den Kriterien specific, measurable, assignable, realistic und time-related operationalisierte; spätere Adaptionen ersetzen einzelne Kriterien, etwa assignable durch attraktiv oder akzeptiert, ohne die Grundstruktur zu verändern (vgl. Locke & Latham, 2002, zur zugrunde liegenden Goal-Setting Theory). Im deutschsprachigen Führungskontext hat sich SMART als Kürzel für spezifisch, messbar, attraktiv/akzeptiert, realistisch und terminiert etabliert.

SMART ist damit kein psychologisches Motivationsmodell, sondern ein Formulierungsstandard für Zielvereinbarungen. Es beantwortet die Frage, wie ein Ziel so beschrieben werden kann, dass Fortschritt überprüfbar wird und Erwartungen zwischen Führungskraft und Mitarbeitendem eindeutig sind. Die empirische Basis dieses Nutzens ist robust: Goal-Setting-Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass spezifische, herausfordernde Ziele die Leistung zuverlässig steigern (d = 0,42–0,80 über mehr als 40.000 Teilnehmende und 100 Aufgaben; Locke & Latham, 2002). Diese Wirkung beruht jedoch auf Zielspezifität, Schwierigkeitsgrad und Feedback – nicht auf der subjektiv erlebten Bedeutsamkeit des Ziels.

Genau an dieser Stelle wird die Position von STIMMIG innerhalb der Gesamtargumentation dieses Essays deutlich. SMART und STIMMIG operieren auf unterschiedlichen, einander nicht ersetzenden Ebenen: SMART strukturiert das Ziel als Aussage – präzise, überprüfbar, terminiert. STIMMIG beschreibt, ob und wie dieses formal saubere Ziel motivational tragfähig wird, also ob die Person es als sinnvoll, treffend, inspirierend, motivierend, mitwachsend, integriert und gefühlt bedeutsam erlebt (inneres STIMMIG) und ob die Führungsbedingungen dafür geschaffen wurden (äußeres STIMMIG). Ein Ziel kann vollständig SMART formuliert sein und dennoch für eine Person nur begrenzte motivational-affektive Anschlussfähigkeit besitzen, wenn es nicht als persönlich bedeutsam und tragfähig erlebt wird. Umgekehrt kann ein subjektiv hoch bedeutsames Anliegen ohne formale Zielstruktur an mangelnder Konkretisierung und Überprüfbarkeit scheitern. Beide Modelle sind deshalb komplementär: SMART liefert die formale Architektur der Zielformulierung, während STIMMIG die psychologischen Bedingungen beschreibt, unter denen ein formal strukturiertes Ziel subjektiv bedeutsam und motivational tragfähig werden kann. Beide Modelle adressieren damit unterschiedliche, komplementäre Ebenen der Zielverfolgung.

Für die Praxis ergibt sich daraus eine einfache Handlungsregel: Zielvereinbarungsprozesse sollten SMART-Kriterien zur Formulierung nutzen, sie aber durch eine STIMMIG-Reflexion ergänzen – sowohl auf der äußeren Ebene der Führungsgestaltung als auch auf der inneren Ebene der individuellen Bedeutungszuschreibung. STIMMIG ersetzt SMART damit nicht, sondern vervollständigt es um jene Dimension, die rein formale Zielkriterien systematisch aussparen.

H7a: Zielklarheit und leistungsbezogenes Feedback verstärken den positiven Zusammenhang zwischen Selbstmotivation und Aufgabenerfüllung; dieser moderierende Effekt bezieht sich auf einzelne Zielmerkmale und ist empirisch noch zu prüfen. SMART kann dabei insbesondere zur Zielklarheit und zur Festlegung überprüfbarer Kriterien beitragen; die Qualität des Feedbacks hängt dagegen von zusätzlichen Führungs- und Prozessbedingungen ab, die SMART allein nicht sicherstellt.

H7b: Liegt eine formale SMART-Zielstruktur vor, lässt sich der Endpunkt des Kernmechanismus (Aufgabenerfüllung) als Zielerreichung präzisieren, weil erst eine formal spezifizierte Zielvorgabe ein eindeutiges Erreichungskriterium liefert.

H7a und H7b unterscheiden sich in ihrem Testlogik-Status: H7a ist eine klassische Moderationshypothese und direkt statistisch prüfbar. H7b ist keine eigenständig testbare Kausalhypothese, sondern eine begriffliche Geltungsbedingung, die festlegt, unter welchen Umständen der Modell-Endpunkt terminologisch als Zielerreichung statt als Aufgabenerfüllung zu interpretieren ist.

Abbildung 4 fasst diese Verzahnung grafisch zusammen: SMART wirkt nicht als vorgelagerte Stufe vor Führungsverhalten und STIMMIG, sondern quer zum Hypothesenpfad des STIMMIG-Modells auf die formale Struktur des Zielinhalts; die daraus resultierende Zielerreichung ist das Ergebnis des motivationalen Prozesses, nicht selbst ein SMART-Kriterium.

SMART Zielvorgabe (formale Zielformulierung) Führungsverhalten Selbststeuerung Äußeres STIMMIG Bedeut- samkeit Interna- lisierung H1 H2 H3 Inneres STIMMIG Selbst- motivation Aufgaben- erfüllung H4 H5 Zielerreichung Ergebnis, kein SMART-Kriterium
Abbildung 4. STIMMIG-Kernpfad (H1–H5) mit SMART als formalem Zielrahmen um Führungsverhalten und Selbststeuerung; Zielerreichung ist Ergebnis des motivationalen Prozesses, kein eigenständiges SMART-Kriterium.

Damit ist SMART als formaler Zielrahmen für den STIMMIG-Kernpfad eingeordnet. Bevor sich praktische Implikationen ableiten lassen, ist jedoch zu klären, für welche Führungskontexte dieses Gesamtmodell Geltung beansprucht und wo seine Grenzen liegen.

 

7. Geltungsbereich und Grenzen des Modells

7.1 Inhaltlicher Geltungsbereich

Das Modell beansprucht keine universelle Gültigkeit für alle Führungs- und Arbeitssituationen, sondern zielt vor allem auf wissensintensive, kooperationsabhängige und entwicklungsorientierte Arbeitskontexte, in denen Bedeutsamkeitserleben nicht selbstverständlich gegeben ist, sondern durch Führung aktiv ermöglicht werden muss. In hochstandardisierten, sicherheitskritischen oder akut handlungsleitenden Kontexten wie Notaufnahme, Feuerwehr, Katastrophenschutz oder taktischer Führung treten unmittelbare Handlungsanweisung, Prozesssicherheit und Regelkonformität in den Vordergrund; Bedeutsamkeit ist dort zwar relevant, jedoch nicht die primäre Steuerungsgröße im Handlungsmoment. Das Modell ist deshalb nicht als Gegenentwurf zu direktiver Führung zu verstehen, sondern als Erklärungsrahmen für jene Kontexte, in denen nachhaltige Selbstmotivation über kurzfristige Anweisung hinaus wirksam werden muss.

7.2 Status als konzeptueller Preprint

Der vorliegende Essay wird bewusst als konzeptueller Preprint vorgelegt und nicht als empirisch validiertes Modell präsentiert. STIMMIG ist damit als theoretischer Diskussionsbeitrag für die Fachcommunity zu verstehen, der eine in sich konsistente, aus etablierten Theoriesträngen hergeleitete Prozessarchitektur bereitstellt, ohne bereits über eigene Skalen, Stichprobendaten oder Strukturgleichungsprüfungen zu verfügen. Diese Offenheit ist kein Mangel, sondern der spezifische Beitrag eines Preprints: Er macht ein Modell frühzeitig für Kritik, Weiterentwicklung und empirische Prüfung zugänglich, bevor es in aufwändige Validierungsstudien überführt wird. Für eine künftige empirische Prüfung wären insbesondere die Operationalisierung der sieben Dimensionen des äußeren STIMMIG sowie der sieben Erlebnisqualitäten des inneren STIMMIG in reliablen und validen Selbstberichtsskalen, eine Prüfung der jeweils angemessenen Konstruktstruktur (formativ, reflektiv oder multidimensional) mittels struktureller Gleichungsmodelle sowie eine Berücksichtigung kultureller Generalisierbarkeit zu leisten, da die theoretische Herleitung überwiegend auf im deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum entwickelten Konzepten beruht. Bis zu einer solchen Prüfung bleibt STIMMIG explizit ein heuristisches, kein bereits validiertes Modell.

7.3 Praktische Relevanz für Organisationen

Neben der theoretischen Fundierung ist für Vorstände, Personalverantwortliche und Führungskräfte die praktische Übersetzbarkeit des Modells entscheidend. Die folgenden beiden Perspektiven zeigen exemplarisch, welchen Mehrwert STIMMIG für ökonomische Entscheidungsträger und für die operative Personalarbeit bereits im aktuellen, konzeptuellen Entwicklungsstadium bieten kann.

Ökonomische Relevanz für Vorstände und Geschäftsführung

Die ökonomische Relevanz von Engagement und motivationalen Arbeitsbedingungen wird auch in internationalen Arbeitsmarktberichten hervorgehoben. Gallup (2025) schätzt, dass der weltweite Rückgang des Mitarbeiterengagements im Jahr 2024 die Weltwirtschaft rund 438 Milliarden US-Dollar an Produktivität gekostet hat; der Gallup State of the Global Workplace: 2023 Report (Gallup, 2023) bezifferte die globalen Verluste durch geringes Engagement zuvor auf bis zu 8,8 Billionen US-Dollar jährlich, was etwa 9% des globalen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Für Vorstände und Geschäftsführungen verschiebt sich damit die Frage von 'Was kostet die Einführung eines Bedeutsamkeits-Frameworks?' zu 'Was kostet dessen Unterlassung?' – ein Perspektivwechsel, der die im vorliegenden Modell beschriebenen Führungsbedingungen (äußeres STIMMIG) nicht als weiche Zusatzmaßnahme, sondern als direkten Hebel auf einen bezifferbaren Produktivitätsverlust positioniert. Für Vorstände und Geschäftsführungen ergibt sich daraus eine strategische Perspektive: Bedingungen motivationaler Anschlussfähigkeit können als potenziell relevante Organisationsfaktoren betrachtet werden, deren konkrete Wirkung auf Engagement, Bindung und Produktivität jedoch empirisch differenziert untersucht werden muss.

Explorative Anwendbarkeit für Personalverantwortliche

Für eine explorative organisationsbezogene Analyse lassen sich die sieben äußeren STIMMIG-Dimensionen bereits jetzt exemplarisch in reflexive Selbst- oder Fremdeinschätzungsitems übersetzen, ohne den Status eines noch zu validierenden Instruments vorwegzunehmen: Sichtbarkeit ("Mein Beitrag und mein Weg dorthin werden wahrgenommen, nicht nur das Ergebnis"), Mitgestaltung ("Ich habe echten Einfluss auf Priorisierung und Vorgehen"), Impact ("Ich weiß, welche Wirkung meine Arbeit auf andere hat"). Diese Beispielformulierungen dienen der Veranschaulichung der Konstruktnähe zur Führungspraxis; eine psychometrisch geprüfte Skalenentwicklung steht noch aus (vgl. Kapitel 7.2).

Diese Grenzziehung schärft zugleich den Anspruch des Modells: STIMMIG soll nicht als beliebig anwendbares Führungsrezept verstanden werden, sondern als spezifischer Erklärungsrahmen, der sich von benachbarten Führungsansätzen klar unterscheiden lässt. Diese Abgrenzung wird im folgenden Kapitel systematisch vorgenommen.

 

8. Abgrenzung zu verwandten Führungsansätzen

Um die theoretische Eigenständigkeit von STIMMIG zu sichern, ist eine systematische Abgrenzung zu etablierten Führungskonzepten notwendig. Die folgende Übersicht vergleicht STIMMIG entlang von drei Kriterien: dem primären Fokus des jeweiligen Ansatzes, der Frage, ob ein psychologischer Vermittlungsmechanismus (Internalisierung) explizit modelliert wird, und der Beziehung zur Zielerreichung.

AnsatzPrimärer FokusInternalisierungsmechanismusVerhältnis zu STIMMIG
Transformational Leadership (Bass & Riggio, 2006)Führungsverhalten: Vision, intellektuelle Stimulation, individuelle ZuwendungNicht explizit spezifiziert; Wirkung wird über Verhaltensdimensionen postuliertSTIMMIG übernimmt keine Verhaltenstaxonomie, sondern modelliert den nachgelagerten psychologischen Prozess, der über die reine Verhaltensbeschreibung hinausgeht
Empowering Leadership (Arnold et al., 2000)Übertragung von Autonomie, Verantwortung und EntscheidungsspielraumWird angenommen, aber nicht als eigenständige Konstruktebene geführtSTIMMIG differenziert explizit zwischen der übertragenen Autonomie (äußeres STIMMIG) und ihrer subjektiven Aneignung (inneres STIMMIG) als zwei separate Ebenen
Leader-Member-Exchange (Graen & Uhl-Bien, 1995)Qualität dyadischer FührungsbeziehungenKein explizit ausgearbeiteter Internalisierungsmechanismus als zentrale KonstruktebeneSTIMMIG fragt nicht primär nach Beziehungsqualität, sondern danach, welche Beziehungsqualität Internalisierung wahrscheinlicher macht
Self-Determination Theory / Leader Autonomy Support (Deci & Ryan, 2000; Slemp et al., 2018)Autonomieunterstützendes Führungsverhalten als MotivationsquelleExplizit modelliert über Internalisierungsstufen (Organismic Integration Theory)STIMMIG nutzt SDT als theoretisches Fundament für inneres STIMMIG, erweitert es jedoch um eine eigenständige äußere Führungsarchitektur mit sieben spezifischen Dimensionen. Dabei ersetzt inneres STIMMIG nicht die motivationalen Regulationsformen der SDT (Deci & Ryan, 2000), sondern beschreibt eine andere Ebene: Während die SDT den Internalisierungsgrad als Stufenmodell erfasst, fasst inneres STIMMIG die subjektive Erlebnisqualität eines bereits internalisierten Ziels zusammen – also das Ergebnis der Internalisierung, nicht einen weiteren Prozessschritt danach.
Goal-Setting Theory (Locke & Latham, 2002)Wirkung spezifischer, herausfordernder Zielformulierungen auf LeistungKein motivationaler Internalisierungsmechanismus; Wirkung erfolgt über Zielklarheit und FeedbackSTIMMIG behandelt Zielklarheit (im SMART-Rahmen, siehe Kapitel 6) als potenziell förderliche, aber nicht hinreichende Bedingung für motivational tragfähige Zielverfolgung
Meaningful / Purpose-Driven Leadership (Rosso et al., 2010; Pratt & Ashforth, 2003)Vermittlung von Sinn und Purpose durch Führung als eigenständiges FührungszielDie Ansätze unterscheiden sich in der theoretischen Ausarbeitung des Übergangs von Sinn- beziehungsweise Bedeutsamkeitserleben zu internalisierter Selbstregulation. STIMMIG teilt den Fokus auf Bedeutsamkeit, geht aber über die reine Sinnvermittlung hinaus, indem es die Führungsbedingungen (äußeres STIMMIG) von der subjektiven Erlebnisqualität der Aneignung (inneres STIMMIG) als zwei separate, sequenziell verbundene Ebenen unterscheidet
Authentic Leadership (Avolio & Gardner, 2005)Selbstbewusstsein, Transparenz und Wertekongruenz der FührungskraftKein expliziter Bezug zur Bedeutsamkeitsermöglichung bei Mitarbeitenden oder zu deren InternalisierungSTIMMIG ist nicht primär eine Theorie der Authentizität der Führungskraft, sondern eine Theorie der Bedingungen, unter denen Mitarbeitende Arbeit als subjektiv bedeutsam und motivational tragfähig erleben; Authentizität kann dabei allenfalls eine Voraussetzung für glaubwürdige Impact-Kommunikation sein, ist aber nicht mit STIMMIG identisch

Die Gegenüberstellung zeigt: STIMMIG ist nicht redundant zu den genannten Ansätzen, sondern schließt eine spezifische Lücke. Sein Neuheitsanspruch liegt dabei nicht darin, dass die einzelnen psychologischen Mechanismen – Autonomieunterstützung, Bedeutsamkeitserleben, Internalisierung – erstmals beschrieben würden; er liegt in ihrer Integration zu einer expliziten, sequenziellen Prozessarchitektur, die den Übergang von äußerer Führungsgestaltung zu innerer motivationaler Aneignung modelliert – eine Verbindung, die in den verglichenen Modellen jeweils nur implizit oder gar nicht adressiert wird.

Nachdem die theoretische Eigenständigkeit von STIMMIG damit gesichert ist, stellt sich die Anschlussfrage, welche konkreten Konsequenzen sich daraus für Führungspraxis, Personalentwicklung und Forschung ergeben.

 

9. Praktische Implikationen

Nachdem Geltungsbereich und Abgrenzung des Modells geklärt sind, stellt sich die Frage nach der praktischen Anwendbarkeit von STIMMIG in Führungspraxis, Personalentwicklung, explorativer Organisationsanalyse und Forschung. Im Folgenden werden vier Anwendungsfelder konkretisiert.

  • Führungskräfteentwicklung: Die sieben äußeren STIMMIG-Dimensionen lassen sich als Reflexions- und Trainingsraster nutzen. Führungskräfte können anhand konkreter Verhaltensindikatoren zu Sichtbarkeit, Tiefe, Individualität, Mitgestaltung, Momenten, Impact-Kommunikation und Gemeinschaft eingeschätzt und gezielt weiterentwickelt werden, etwa durch strukturiertes 360-Grad-Feedback oder kollegiale Fallberatung.
  • Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungen: Die sieben inneren STIMMIG-Fragen (Sinnvoll, Treffend, Inspirierend, Motivierend, Mitwachsend, Integriert, Gefühlt) können als strukturierter Gesprächsleitfaden dienen, um neben der formalen SMART-Zielformulierung auch die subjektive Bedeutsamkeit eines Ziels zu explorieren, bevor es final vereinbart wird.
  • Explorative Organisationsanalyse: Mitarbeiterbefragungen können explorativ um STIMMIG-basierte Items ergänzt werden, um Hinweise darauf zu gewinnen, wie Mitarbeitende die entsprechenden Führungsbedingungen und ihre eigene subjektive Bedeutsamkeitserfahrung wahrnehmen. Da die STIMMIG-Dimensionen bislang nicht psychometrisch validiert sind, können solche Erhebungen zunächst keine belastbare Messung eines validierten Konstrukts leisten, sondern primär der hypothesengenerierenden Organisationsanalyse und der Vorbereitung künftiger Skalenentwicklung dienen.
  • Forschung: Für die empirische Prüfung des Modells ergeben sich Anschlussmöglichkeiten an Längsschnittdesigns, die den postulierten Wirkpfad von äußerem STIMMIG über inneres STIMMIG zu Selbstmotivation und Aufgabenerfüllung (Kapitel 4.7) über Zeit abbilden, sowie an Interventionsstudien, die gezielt einzelne STIMMIG-Dimensionen manipulieren, um kausale Aussagen zu ermöglichen. Multivariate Modellprüfungen, etwa mittels struktureller Gleichungsmodelle, könnten zudem prüfen, ob die sieben Dimensionen tatsächlich als formatives Konstrukt im Sinne von Kapitel 4.1 zusammenwirken.

9.1 Implikationen für Vorstände und Personalverantwortliche

Über die operative Führungsebene hinaus hat STIMMIG unmittelbare Relevanz für strategische Entscheidungsträger. Für Vorstände und Geschäftsführungen liefert das Modell eine theoretische Begründung dafür, warum eine systematische Unterversorgung bestimmter Bedeutsamkeitsbedingungen langfristig mit geringerer Bindung und höherer Fluktuationsneigung einhergehen könnte: Wenn Bedeutsamkeit, wie in Kapitel 3 hergeleitet, in einem relevanten Zusammenhang mit Engagement und Anstrengungsbereitschaft steht, dann liegt die Annahme nahe, dass sich ein systematisch unterversorgtes äußeres STIMMIG auf Retention und Employer Branding auswirkt. Retention und Employer Branding sind dabei als mögliche distale Anschlussgrößen zu verstehen, nicht als Bestandteile des in Kapitel 4.7 entwickelten und hier empirisch zu prüfenden Kernmodells, das mit Aufgabenerfüllung endet; ein empirischer Nachweis des Zusammenhangs zu diesen distalen Größen steht noch aus. Eine mögliche zukünftige Anwendung wäre die Entwicklung und gegebenenfalls spätere Integration STIMMIG-bezogener Indikatoren in ESG- und Nachhaltigkeitsberichterstattung, etwa als qualitativer Indikator für die soziale Dimension von Arbeitsbedingungen; dies ist als Perspektive und nicht als unmittelbare praktische Empfehlung zu verstehen, da bislang keine validierte Messmethodik vorliegt.

Für Personalverantwortliche ergibt sich ein konkreter Integrationspunkt in bestehende Instrumente: STIMMIG-Dimensionen lassen sich als Ergänzungsfragen in Mitarbeiterbefragungen, als Gesprächsleitfaden in Skip-Level-Meetings oder als Beobachtungsraster in Performance-Management-Zyklen einsetzen, ohne bestehende Prozesse zu ersetzen. Besonders in dezentralen, hybriden oder matrixartigen Organisationsformen, in denen Sichtbarkeit und Tiefe strukturell erschwert sind, kann eine STIMMIG-basierte explorative Organisationsanalyse gezielt Hinweise darauf geben, welche Dimensionen kompensatorisch gestärkt werden könnten, etwa durch strukturierte virtuelle Anerkennungsformate oder regelmäßige Reflexionsformate in verteilten Teams.

Diese praktischen Anwendungsfelder bestätigen den bereits in Kapitel 6 entwickelten Grundsatz, dass STIMMIG etablierte Zielrahmen wie SMART nicht ersetzt, sondern um ihre motivationale Tiefenstruktur ergänzt. Die folgenden Schlussbemerkungen führen die tragenden Argumentationslinien des Essays zusammen.

 

10. Schluss

Abschließend lässt sich die eingangs gestellte Leitfrage dahingehend beantworten, dass Führung Bedeutsamkeit nicht unmittelbar erzeugt, sondern deren Wahrscheinlichkeit über gestaltbare Führungsbedingungen des äußeren STIMMIG psychologische Internalisierungsprozesse des inneren STIMMIG ermöglicht, aus denen tragfähige Selbstmotivation und stabile Aufgabenerfüllung hervorgehen können. Der Beitrag des Essays liegt damit nicht in der Erfindung neuer Grundtheorien, sondern in der Prozessarchitektur ihrer Integration: Führung wird als Ermöglichung von Bedeutsamkeit, Internalisierung und Selbstmotivation konzeptualisiert, die drei etablierte Theoriestränge - Self-Determination Theory, die Stimmigkeitskonzeption nach Schulz von Thun und die meaningful-work-Forschung - in einer gemeinsamen, zweistufigen Prozessarchitektur verbindet.

Für die Führungspraxis ergibt sich daraus ein klarer Anspruch: Bedeutsamkeit ist kein Zufallsprodukt gelungener Kommunikation, sondern eine eigenständige, gestaltbare Führungsleistung, die sich entlang der sieben äußeren STIMMIG-Dimensionen konkretisieren, beobachten und entwickeln lässt. Für Organisationen, Vorstände und Personalverantwortliche liegt der Mehrwert des Modells darin, dass es formale Steuerungsinstrumente wie SMART nicht ersetzt, sondern um eine motivationale Tiefenstruktur ergänzt. Damit bietet es eine konzeptionelle Grundlage dafür, zu untersuchen, unter welchen psychologischen Bedingungen Zielvereinbarungen, Engagement-Programme und Retention-Strategien ihre Wirkung entfalten können.

Als konzeptueller Preprint versteht sich dieser Essay explizit als Ausgangspunkt und nicht als Endpunkt der Modellentwicklung. Die nächsten Schritte liegen in der Operationalisierung der sieben äußeren STIMMIG-Dimensionen und der sieben inneren Erlebnis- und Bewertungsqualitäten, der empirischen Prüfung der in Kapitel 4.7 formulierten Hypothesen sowie im Dialog mit der Fachcommunity, für den diese Veröffentlichung eine erste Grundlage bieten soll. Führung, die Bedeutsamkeit ermöglicht, bleibt damit nicht länger ein unbestimmtes Ideal, sondern wird zu einer beschreibbaren, entwickelbaren und langfristig überprüfbaren Kernaufgabe von Führung.

 

Literatur

Allan, B. A., Batz-Barbarich, C., Sterling, H. M., & Tay, L. (2019). Outcomes of meaningful work: A meta-analysis. Journal of Management Studies, 56(3), 500–528.

Arnold, J. A., Arad, S., Rhoades, J. A., & Drasgow, F. (2000). The empowering leadership questionnaire: The construction and validation of a new scale for measuring leader behaviors. Journal of Organizational Behavior, 21(3), 249–269.

Avolio, B. J., & Gardner, W. L. (2005). Authentic leadership development: Getting to the root of positive forms of leadership. The Leadership Quarterly, 16(3), 315–338.

Bass, B. M., & Riggio, R. E. (2006). Transformational leadership (2nd ed.). Psychology Press.

Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.

Chan, K.-Y., & Drasgow, F. (2001). Toward a theory of individual differences and leadership: Understanding the motivation to lead. Journal of Applied Psychology, 86(3), 481–498.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.

Doran, G. T. (1981). There's a S.M.A.R.T. way to write management's goals and objectives. Management Review, 70(11), 35–36.

Gagné, M., & Deci, E. L. (2005). Self-determination theory and work motivation. Journal of Organizational Behavior, 26(4), 331–362.

Gallup (2023). State of the global workplace: 2023 Report. Gallup, Inc. https://www.gallup.com/workplace/349484/state-of-the-global-workplace.aspx

Gallup (2025). State of the Global Workplace: 2025 Report. Gallup, Inc.

Graen, G. B., & Uhl-Bien, M. (1995). Relationship-based approach to leadership: Development of leader-member exchange (LMX) theory of leadership over 25 years. Leadership Quarterly, 6(2), 219–247.

Grant, A. M. (2008). The significance of task significance: Job performance effects, relational mechanisms, and boundary conditions. Journal of Applied Psychology, 93(1), 108–124.

Kluger, A. N., & DeNisi, A. (1996). The effects of feedback interventions on performance: A historical review, a meta-analysis, and a preliminary feedback intervention theory. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284.

Kolb, D. A. (1984). Experiential learning: Experience as the source of learning and development. Prentice Hall.

Kristof-Brown, A. L., Zimmerman, R. D., & Johnson, E. C. (2005). Consequences of individuals' fit at work: A meta-analysis of person–job, person–organization, person–group, and person–supervisor fit. Personnel Psychology, 58(2), 281–342.

Locke, E. A., & Latham, G. P. (2002). Building a practically useful theory of goal setting and task motivation: A 35-year odyssey. American Psychologist, 57(9), 705–717.

McAnally, K., & Hagger, M. S. (2024). Self-determination theory and workplace outcomes: A conceptual review and future research directions. Behavioral Sciences, 14(6), 428.

Meng, F., & Wu, J. (2022). Linkages between transformational leadership, work meaningfulness and work engagement. Frontiers in Psychology, 13, Article 894493. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.894493.

Pratt, M. G., & Ashforth, B. E. (2003). Fostering meaningfulness in working and at work. In K. S. Cameron, J. E. Dutton, & R. E. Quinn (Eds.), Positive organizational scholarship: Foundations of a new discipline (pp. 309–327). Berrett-Koehler.

Rosso, B. D., Dekas, K. H., & Wrzesniewski, A. (2010). On the meaning of work: A theoretical integration and review. Research in Organizational Behavior, 30, 91–127.

Schulz von Thun, F. (2015). Von der Authentizität zur Stimmigkeit – Warum das erstrebenswerte Leitbild der Kommunikation eine Gegentugend braucht. Praxis Kommunikation, (6), 4–9.

Slemp, G. R., Kern, M. L., Patrick, K. J., & Ryan, R. M. (2018). Leader autonomy support in the workplace: A meta-analytic review. Motivation and Emotion, 42, 706–724.

Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In W. G. Austin & S. Worchel (Eds.), The social psychology of intergroup relations (pp. 33–47). Brooks/Cole.

Thrash, T. M., & Elliot, A. J. (2003). Inspiration as a psychological construct. Journal of Personality and Social Psychology, 84(4), 871–889. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.4.871

Voigt, J., Jais, M., & Kehr, H. M. (2024). An image of what I want to achieve: How visions motivate goal pursuit. Current Psychology, 43, 21658–21672. https://doi.org/10.1007/s12144-024-05943-4

Wagner, J. (2026b). Bedürfnisökologie von Organisationen. [Preprint]. PsychArchives. https://doi.org/10.23668/psycharchives.22132

Wagner, J. (2026c). Führungseignung als Systemfaktor. [Preprint]. PsychArchives. https://doi.org/10.23668/psycharchives.22133

Wrzesniewski, A., & Dutton, J. E. (2001). Crafting a job: Revisioning employees as active crafters of their work. Academy of Management Review, 26(2), 179–201.