Bedürfnis-Profil-Modell
als Rahmenmodell bedürfnisbasierter Diagnostik

Theoretische Grundlegung, Facettenarchitektur und Erhebungsmethodik für kontextübergreifende Bedürfnisdiagnostik
Jochen Wagner
ORCID: 0009-0000-3701-0470  |  Schwerin, Deutschland  |  Juni 2026
Versionierte wissenschaftliche Publikation
Erstveröffentlichung auf PsychArchives (Leibniz-Institut für Psychologie)
DOI der Erstversion: 10.23668/psycharchives.22181
Lizenz: CC-BY-SA 4.0 · Jochen Wagner, 2026

Abstract
Das Bedürfnis-Profil-Modell (BPM) ist ein theoretisches Rahmenmodell, das Bedürfnisse als zentrale heuristische Analyseeinheit psychischer Regulation behandelt – nicht als ontologisch gesicherte Letztgröße, sondern als theoretisch fruchtbares Konstrukt, das Kohärenz über Lebensbereiche, Erhebungsebenen und Zeitachsen herzustellen erlaubt. Bestehende Bedürfnismodelle – von Maslow (1943) über die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) bis zur Konsistenztheorie (Grawe, 2004) – sind entweder zu abstrakt für kontextspezifische Erhebung oder zu eng für eine lebensbereichsübergreifende Bilanzierung.

Das BPM schließt diese Lücke durch eine achtdimensionale Bedürfnisarchitektur mit 57 Facetten (N1–N8), die in elf Lebensbereichen (K1–K11: Persönliches Wachstum, Sinn & Spiritualität, Geld & Finanzen, Beruf & Karriere, Gesundheit & Fitness, Spaß & Erholung, Umgebung & Lebensqualität, Gemeinschaft, Familie, Freundschaften und Partner & Liebe) sowie einem Selbst-Metakontext (KS / Si) kontextspezifisch erhoben werden. Die Erhebung unterscheidet drei Kanäle – explizit, implizit und behavioral – und integriert sie in das eigens entwickelte RIFE-Protokoll (Real–Imaginär–Frustration–Entscheidung). Systemisch relevante Moderatoren (Resilienz, Vitalität, Selbstbild) werden formal modelliert und in einer Gesamtbilanz verdichtet.

Das Modell ist theoretisch kohärent und konzeptuell begründet; seine empirische Validierung steht aus. Es bildet das methodische Fundament einer konzeptuellen Reihe.
Schlüsselwörter: Bedürfnisdiagnostik, Bedürfnis-Profil-Modell, Erhebungsarchitektur, Lebensbereiche, implizite Motive, Selbstbilanz, Resilienz, Facettenarchitektur, Bedürfnis-Kontext-Matrix

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Förderung: Die Arbeit wurde ohne externe Förderung erstellt.

 

1. Ausgangspunkt und Fragestellung

Wer Liebe als Ergebnis von Bedürfnisbilanzen modelliert, wer Organisationen als Bedürfnisökologie beschreibt und wer Führungseignung als Fähigkeit zur Bedürfnisregulation anderer versteht, setzt ein Fundament voraus, das bislang nicht explizit gemacht wurde: Wie wissen wir überhaupt, welche Bedürfnisse eine Person hat – wie stark sie ausgeprägt sind, wie sie sich über Lebensbereiche verteilen und wie gut oder schlecht sie erfüllt werden?

Das Bedürfnis-Subsumtionsmodell (BSL, Wagner 2026a) verwendet Bedürfnisse als Grundeinheit der Bilanzformel. Die Bedürfnisökologie (BÖM, Wagner 2026b) setzt Bedürfnisdimensionen als Systemgrößen auf Organisations- und Teamebene voraus. Der Führungseignungs-Index (FEI, Wagner 2026c) bewertet Führungspersonen danach, inwieweit sie die Bedürfnisbilanzen anderer stabilisieren oder destabilisieren. In allen drei Modellen gilt: Ohne eine valide, differenzierte Bedürfnisdiagnose ist die Bilanzierung ihre diagnostische Grundlage.

Dieser Essay schließt diese Lücke. Er entwickelt das Bedürfnis-Profil-Modell (BPM) als das methodische und theoretische Fundament der gesamten Reihe – nicht als Anhang, sondern als konzeptuelle Grundvoraussetzung. Die Reihenfolge der Publikation ist damit bewusst umgekehrt zur logischen Architektur: BPM wäre das erste Glied gewesen; es wird zum letzten explizit gemachten.

Die Kernfrage: Wie lassen sich individuelle Bedürfnisse systematisch erfassen, strukturieren und gewichten, damit individuelle Bedürfnislagen – einschließlich ihrer unbewussten Anteile – differenziert sichtbar, messbar und als Grundlage gezielter Entscheidungen nutzbar werden?

 

2. Begriffsklärung und Abgrenzung

Der Begriff Bedürfnis wird im Alltag und in der Wissenschaft erheblich überladen verwendet. Eine klare Abgrenzung ist Voraussetzung für die formale Modellierung.

Bedürfnis Grundlegender psychologischer Zustand, dessen Erfüllung Wohlbefinden fördert und dessen Frustration es mindert

Bedürfnisse sind grundlegende psychologische Zustände, deren Erfüllung Wohlbefinden und Handlungsfähigkeit fördert und deren Frustration mit reduziertem Wohlbefinden assoziiert wird (Deci & Ryan, 2000). Sie sind keine bloßen Mangelzustände, sondern Signale einer Inkongruenz zwischen innerer Struktur und gelebter Situation – sie können aus Defizit entstehen, aber ebenso aus Wachstum, Antrieb oder dem Spüren einer Unstimmigkeit, bevor ein Mangel manifest wird (vgl. Grawe, 2004). Bedürfnisse sind universal in ihrer Klasse, aber individuell in ihrer Ausprägung, Gewichtung und Erfüllungsform. Bedürfnisse können bewusst oder unbewusst sein – das ist der diagnostisch entscheidende Punkt.

Wunsch Bewusste, konkrete Vorstellung einer Erfüllungsform

Wünsche sind die bewussten, kontextspezifischen Ausdrucksformen von Bedürfnissen. „Ich möchte mehr Anerkennung von meinem Vorgesetzten" ist ein Wunsch – das dahinterliegende Bedürfnis ist Kompetenz-Anerkennung (N3.4) und Gesehen-werden (N4.3). Wünsche können Bedürfnisse verschleiern: Wer sich nach einem neuen Auto sehnt, sucht möglicherweise nach Status (N3.4), Freiheit (N2.2) oder sensorischer Stimulation (N6.5).

Motiv Dispositionale Bereitschaft, bestimmte Ziele zu verfolgen

Motive sind stabile Handlungstendenzen, die bestimmte Klassen von Zielen bevorzugen (McClelland, 1985). Sie sind dispositionaler als Bedürfnisse und enger an Verhalten geknüpft. Der entscheidende Befund: McClellands explizite Motive (Selbstauskunft) und implizite Motive (TAT/PSE) korrelieren schwach (r = .10–.20) und sagen unterschiedliche Verhaltensklassen vorher. Das hat direkte Konsequenzen für die Erhebungsarchitektur des BPM.

Wert Kognitiv verankerter Überzeugung über Erstrebenswertes

Werte sind kognitive Leitprinzipien, die Verhalten orientieren, aber nicht unmittelbar motivieren (Schwartz, 1992). Der Unterschied: Bedürfnisse erzeugen Spannung bei Frustration – Werte tun das nicht notwendigerweise. Wertkongruenz (N2.4) ist eine Facette im BPM; Werte werden damit als Bedürfnisinhalt, nicht als eigenständige Kategorie behandelt.

Für das BPM gilt: Bedürfnisse sind die Grundeinheit. Wünsche sind ihre bewusste Ausdrucksform. Motive sind ihre Verhaltenstreiber. Werte sind ein Teil ihres Inhalts.

Methodologische Präzisierung: Bedürfnis und Motiv im BPM
Implizite Motive werden im BPM nicht als eigenständige Konstrukte verstanden, sondern als behaviorale bzw. projektive Manifestationen zugrunde liegender Bedürfnisse. Dass explizite und implizite Motive empirisch schwach korrelieren (McClelland, 1985; r = .10–.20) ist für das BPM kein Widerspruch, sondern Begründung: Es rechtfertigt gerade den Einsatz multipler Erhebungskanäle, um beide Ebenen getrennt zu erfassen und als diagnostisch komplementär zu behandeln. Die Inkongruenz-Logik des BPM – Bedürfnisse als Signale zwischen innerer Struktur und gelebter Situation – gilt dabei für alle Erhebungskanäle gleichermaßen: Ein implizites Bedürfnissignal ist kein schwächeres Signal, sondern ein anderes.

 

3. Bestehende Bedürfnismodelle: Leistungen und Lücken

Eine kurze kritische Bestandsaufnahme der wichtigsten Referenzmodelle zeigt, warum ein neues Modell nötig ist – nicht um die bestehenden zu ersetzen, sondern um ihre kollektive Lücke zu schließen.

ModellStärkeLücke für das BPM
Maslow (1943)Hierarchie, Universalität, AlltagsverständlichkeitStarre Hierarchie empirisch nicht haltbar; keine kontextspezifische Erhebung
Alderfer ERG (1969)Flexibilisierung von Maslow; Frustrations-RegressionNur drei Kategorien; keine Facettenstruktur; keine Erhebungsinstrumente
SDT – Deci & Ryan (2000)Empirisch stark; Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit universal belegtNur drei Dimensionen; keine Sinn-, Vitalitäts- oder Neugierdimension; kein Kontextbezug
McClelland (1985)Implizite Motive; Macht/Leistung/Anschluss empirisch valideNur drei Motive; kein Alltagsbezug; schwer skalierbar
Grawe – Konsistenztheorie (2004)Annäherungs-/Vermeidungsmotivation; Kongruenz als SystemgrößeKlinisch fokussiert; keine Lebensbereichsstruktur; keine Erhebungsmatrix
Frankl (1959)Sinn als eigenständige Bedürfniskategorie; RetroaktivitätKein operationalisierbares Modell; keine Facettenstruktur
Die gemeinsame Lücke: Kein bestehendes Modell erfasst Bedürfnisse kontextuell differenziert, facettenreich und bilanzorientiert zugleich. Das BPM schließt diese drei Lücken gleichzeitig.

 

4. Die acht Bedürfnisdimensionen: Architektur und Facetten

Das BPM strukturiert Bedürfnisse in einer Zwei-Ebenen-Architektur: Acht Dimensionen als Kategorien zweiter Ordnung, darunter insgesamt 57 Facetten als messbare Einzelbedürfnisse erster Ordnung. Die Analogie zur Big-Five-Persönlichkeits­struktur ist bewusst: „Gewissenhaftigkeit" ist die Kategorie; „Ordentlichkeit", „Pflichtbewusstsein" und „Selbstdisziplin" sind die Facetten. Gleiches gilt hier. Die Erweiterung gegenüber früheren Versionen betrifft vier Bereiche: N1 (Sicherheit) und N2 (Autonomie) wurden um finanzielle und räumliche Facetten ergänzt; N6 (Vitalität) um Umgebungsqualität und Naturzugang; N7 wurde zu Kreativität & Exploration aufgewertet und erhielt zwei neue Facetten; N8 (Freundschaft) wurde als eigenständige Dimension eingeführt.

Ontologische Ebenentrennung: Das BPM unterscheidet systematisch zwischen dem, was universal gilt, und dem, was individuell variiert:
EbeneUniversal?Erläuterung
Bedürfnisdimensionen (N1–N8)jaKategorialer Rahmen gilt kulturübergreifend
FacettenwahrscheinlichEmpirisch plausibel, noch nicht abschließend belegt
Gewichtung (ωn, φk)neinInterindividuell und kontextuell variabel
ErfüllungsformenneinKulturell und biografisch geprägt
VerhaltenneinAbhängig von Motiv, Kontext, Ressourcen

Die 57 Facetten sind als theoretisch begründete, vorläufige Einheiten zu verstehen – nicht als psychometrisch validierte Subskalen. Ihre Faktorenstruktur ist empirisch noch ungeprüft; konfirmatorische und explorative Faktorenanalysen stehen aus. Es ist wahrscheinlich, dass einzelne Facetten unter Realerhebungsbedingungen hoch miteinander korrelieren und zu breiteren Faktoren zusammenfallen – insbesondere innerhalb von N3 (Wirksamkeit/Selbstwirksamkeit), N5 (Kohärenz/Narrativ-Kohärenz) und N7 (Kreativität/Expressiver Ausdruck). Das BPM erhebt für diese Paare keinen Anspruch auf psychometrische Unabhängigkeit, sondern auf theoretische Trennbarkeit: Die Konstrukte sind konzeptuell distinkt und motivational eigenständig – ob sie auch empirisch separierbar sind, ist eine offene Validierungsfrage. Bis zu ihrer empirischen Klärung gilt die Facettenarchitektur als heuristische Maximalstruktur.

Facettenauswahlkriterien: Eine Facette wird ins BPM aufgenommen, wenn sie (1) empirisch von bestehenden Facetten trennbar ist, (2) eigenständige Prädiktorvarianz für Wohlbefinden erklärt, (3) theoretisch in einer etablierten Motivations- oder Bedürfnistheorie verankert ist und (4) ihre chronische Frustration nachweislich psychische Dysregulation, motivationale Kompensationsprozesse oder anhaltende Belastung erzeugt – nicht bloß Präferenzminderung. Facetten, die ausschließlich Eigenschaften, Präferenzen oder Wohlbefindensprädiktoren beschreiben, ohne ein eigenständiges Frustrationskorrelat zu besitzen, werden als Subfacetten behandelt oder nicht aufgenommen. Die Vollständigkeit der Facettenarchitektur beansprucht keine Erschöpfung – sondern heuristische Abdeckung des motivationalen Raums mit theoretisch begründeten, frustrationsrelevanten Einheiten.

4.1 N1 – Sicherheit

Kernfrage: Bin ich geschützt und stabil?

FacetteBeschreibungVerankerung
N1.1 Existenzsicherheit Grundversorgung mit Nahrung, Wohnen, Einkommen Maslow (1943)
N1.2 Körperliche Unversehrtheit Schutz vor physischer Bedrohung, Gesundheit Maslow (1943)
N1.3 Psychologische Sicherheit Angstfreiheit im sozialen Kontext, Fehler machen dürfen Edmondson (1999)
N1.4 Bindungssicherheit Verlässliche, vorhersehbare Bindungspersonen Bowlby (1969)
N1.5 Vorhersehbarkeit Kontrolle über Abläufe, Planbarkeit der Zukunft Seligman (1975)
N1.6 Struktursicherheit Klare Regeln, Rollen, Orientierungsrahmen Grawe (2004)
N1.7 Finanzielle Existenzsicherung Absicherung gegen finanzielle Notlagen; Notfallpuffer, Versicherungsschutz, existenzielle Grundstabilität Mission Asset Fund (2021); Maslow (1943)
N1.8 Ortsbindung Emotionale Verortung und Heimatgefühl; das Erleben eines physischen Ortes als sicheren Rückzugsraum Scannell & Gifford (2010); Lewicka (2011)

4.2 N2 – Autonomie

Kernfrage: Kann ich selbstbestimmt handeln?

FacetteBeschreibungVerankerung
N2.1 Entscheidungsfreiheit Eigene Wahl treffen ohne externen Zwang Deci & Ryan (2000)
N2.2 Handlungsfreiheit Eigenständig agieren, nicht fremdgesteuert sein Deci & Ryan (2000)
N2.3 Authentizität So handeln und sein dürfen, wie man wirklich ist Deci & Ryan (2000); Rogers (1961)
N2.4 Wertkongruenz Handeln im Einklang mit eigenen Werten Deci & Ryan (2000); Schwartz (1992)
N2.5 Unabhängigkeit Nicht auf andere angewiesen sein müssen Maslow (1943)
N2.6 Zeit-Selbstbestimmung Eigene Prioritäten setzen, Zeit selbst einteilen Deci & Ryan (2000)
N2.7 Räumliche Selbstbestimmung Den eigenen Lebensraum aktiv gestalten und prägen können; Kontrolle über Wohnsituation und Umgebung Gifford (2002)
N2.8 Finanzielle Gestaltungsfreiheit Aus finanzieller Fülle heraus gestalten, investieren und schenken – jenseits reiner Absicherung Deci & Ryan (2000); Sheldon & Elliot (1999)
N2.9 Wirtschaftliche Unabhängigkeit Nicht zwingend erwerbstätig sein müssen; passive Einkommensquellen, finanzielle Selbstbestimmung Mission Asset Fund (2021); Deci & Ryan (2000)
Begriffsabgrenzung: N1.7 Finanzielle Existenzsicherung vs. N2.8/N2.9 Finanzielle Gestaltungsfreiheit
Beide Facettengruppen betreffen Finanzen, sind aber motivational grundlegend verschieden: N1.7 ist ein Sicherheitsbedürfnis – es adressiert die Abwesenheit finanzieller Bedrohung und Existenzangst. Frustration entsteht durch Mangel. N2.8 und N2.9 sind Autonomiebedürfnisse – sie adressieren die Freiheit, aus einem Fundament der Stärke heraus zu handeln. Frustration entsteht nicht durch Mangel, sondern durch Einschränkung und Fremdbestimmung. Die Trennlinie entspricht der Differenz zwischen „Ich habe genug" (N1.7) und „Ich kann tun, was ich will" (N2.8/N2.9).

4.3 N3 – Kompetenz

Kernfrage: Erlebe ich mich als wirksam?

FacetteBeschreibungVerankerung
N3.1 Wirksamkeit Spüren, dass das eigene Handeln etwas bewirkt Deci & Ryan (2000); Bandura (1977)
N3.2 Meisterschaft In etwas wirklich gut sein, Expertise entwickeln Csikszentmihalyi (1990)
N3.3 Wachstum Lernen, sich weiterentwickeln, besser werden Deci & Ryan (2000); Dweck (2006)
N3.4 Anerkennung Wahrgenommene Kompetenz durch andere bestätigt bekommen Honneth (1992)
N3.5 Selbstwirksamkeitsüberzeugung Glauben, Herausforderungen bewältigen zu können Bandura (1977)
N3.6 Herausforderung & Flow Anforderungen und Fähigkeiten in Balance erleben Csikszentmihalyi (1990)

4.4 N4 – Verbundenheit

Kernfrage: Fühle ich mich zugehörig und gesehen?

FacetteBeschreibungVerankerung
N4.1 Zugehörigkeit Teil einer Gruppe, Gemeinschaft, Familie sein Deci & Ryan (2000); Maslow (1943)
N4.2 Intimität Tiefe, verlässliche emotionale Nähe zu einzelnen Sternberg (1986); Bowlby (1969)
N4.3 Gesehen-werden Als Person wahrgenommen und anerkannt werden Honneth (1992); Rogers (1961)
N4.4 Resonanz Echo des eigenen Erlebens in anderen finden Rosa (2016)
N4.5 Fürsorge geben Für andere sorgen, gebraucht werden Gilligan (1982)
N4.6 Fürsorge empfangen Von anderen umsorgt und unterstützt werden Bowlby (1969)
Begriffsabgrenzung: N3.4 Anerkennung vs. N4.3 Gesehen-werden
Beide Facetten betreffen soziale Rückmeldung, unterscheiden sich jedoch in ihrer Referenz: Anerkennung (N3.4) ist leistungsbezogen – sie bestätigt, dass das eigene Handeln Wirkung hat und von anderen als kompetent wahrgenommen wird (vgl. Honneth, 1992: Leistungsanerkennung). Gesehen-werden (N4.3) ist personal-emotional – es geht darum, als Person in ihrer Gesamtheit wahrgenommen zu werden, unabhängig von Leistung. Die Trennlinie entspricht dem Unterschied zwischen „Du hast das gut gemacht" und „Ich sehe, wer du bist."

4.5 N5 – Sinn

Kernfrage: Ist mein Tun bedeutsam?

FacetteBeschreibungVerankerung
N5.1 Bedeutsamkeit Das eigene Tun als wichtig und wertvoll erleben Frankl (1959); Martela & Riekki (2018)
N5.2 Kohärenz Das Leben als verstehbar und zusammenhängend erleben Antonovsky (1987)
N5.3 Beitrag Mit dem eigenen Handeln etwas Größerem dienen Frankl (1959); Deci & Ryan (2000)
N5.4 Werte-Ausdruck Leben und Handeln nach eigenen Überzeugungen gestalten Schwartz (1992)
N5.5 Transzendenz Verbindung zu etwas Größerem als sich selbst spüren Maslow (1971); Frankl (1959)
N5.6 Narrativ-Kohärenz Das eigene Leben als stimmige Geschichte erleben können McAdams (1993)
Begriffsabgrenzung: N2.4 Wertkongruenz vs. N5.4 Werte-Ausdruck
Wertkongruenz (N2.4) ist ein Autonomie-Bedürfnis: Es geht um die Freiheit, so zu handeln, dass das eigene Tun mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmt – der Fokus liegt auf Selbstbestimmung und innerer Kohärenz des Handelns. Werte-Ausdruck (N5.4) ist ein Sinn-Bedürfnis: Es geht darum, dass das eigene Handeln etwas Bedeutsames verkörpert und nach außen trägt – der Fokus liegt auf Bedeutung und Beitrag. Kurz: Wertkongruenz ist die Abwesenheit innerer Widersprüche; Werte-Ausdruck ist das aktive Gestalten nach einem Sinnhorizont.
Theoretische Präzisierung: N5 Sinn als Bedürfnis und als Systemmodulator
N5 nimmt im BPM eine Doppelrolle ein, die explizit gemacht werden muss: Als Bedürfnisdimension beschreibt N5 das subjektive Erleben von Bedeutsamkeit, Kohärenz und Beitrag – messbar und kontextspezifisch wie alle anderen Dimensionen. Als systemischer Moderator beeinflusst die Sinnbilanz BBi(N5) die globale Resilienz ρ und damit die Dämpfung von Frustrationseffekten im gesamten Modell. Diese Doppelfunktion ist theoretisch begründet (vgl. Antonovsky, 1987; Frankl, 1959), erzeugt aber eine Modellasymmetrie: N5 wirkt auf zwei Ebenen gleichzeitig. Das BPM behandelt dies als inhärentes Merkmal von Sinn als psychologischem Konstrukt, nicht als Designfehler – analog zu Grawes (2004) Konzept der motivationalen Schemata, die gleichzeitig Bedürfnisrepräsentation und Regulationsinstanz sind. Konstrukte mit dieser Doppelfunktion werden im BPM als systemisch doppelfunktional klassifiziert; ihre getrennte empirische Prüfung auf Bedürfnis- und Moderatorebene steht aus.

4.6 N6 – Vitalität

Kernfrage: Ist mein Körper versorgt und lebendig?

FacetteBeschreibungVerankerung
N6.1 Körperliche Versorgung Nahrung, Wasser, Wärme, Schlaf ausreichend vorhanden Maslow (1943)
N6.2 Sexualität & Körpernähe Körperliche Intimität, sinnliche Erfüllung Maslow (1943); Bowlby (1969)
N6.3 Bewegung & Aktivität Körperliche Betätigung als eigenständiges Bedürfnis Ryan et al. (2021); WHO (2010)
N6.4 Erholung & Regeneration Ausreichend Ruhe, Abschalten können Sonnentag (2003)
N6.5 Sensorische Stimulation Ästhetische und sinnliche Reize genießen Maslow (1971)
N6.6 Körperwahrnehmung Den eigenen Körper spüren und kennen Damasio (1994)
N6.7 Räumliche Qualität Wohnqualität, Ästhetik der Alltagsumgebung, Ordnung und sensorische Angemessenheit des Lebensraums als erlebte vitale Ressource Evans (2003)
N6.8 Naturzugang Erleben von natürlicher Umgebung als restorative und vitale Ressource; Zugang zu Grün, Wasser, Licht Kaplan & Kaplan (1989); WHO (2016)
Begriffsabgrenzung: N1.8 Ortsbindung vs. N2.7 Räumliche Selbstbestimmung vs. N6.7 Räumliche Qualität
Alle drei Facetten betreffen das physische Umfeld, greifen aber unterschiedliche Bedürfnisebenen: N1.8 ist das emotionale Heimatgefühl – die Bindung an einen Ort als Sicherheitsanker (Sicherheitsdimension). N2.7 ist die aktive Gestaltungsmacht über den eigenen Raum – Autonomie im räumlichen Sinne. N6.7 ist die sensorisch-vitale Qualität des Raums – Helligkeit, Ordnung, Ästhetik als körperlich erlebte Ressource (Vitalitätsdimension). Eine Person kann räumlich sicher gebunden sein (N1.8 erfüllt), ohne räumliche Gestaltungsfreiheit zu haben (N2.7 frustriert) – etwa als Mieter mit starkem Ortsgefühl, aber ohne Renovierungsrecht.

4.7 N7 – Kreativität & Exploration

Kernfrage: Kann ich erkunden, gestalten und erschaffen?

FacetteBeschreibungVerankerung
N7.1 NeugierAntrieb, Unbekanntes zu erkunden und zu verstehenBerlyne (1960); Loewenstein (1994)
N7.2 ExplorationAktives Aufsuchen neuer Erfahrungen, Orte, IdeenKashdan et al. (2004)
N7.3 AmbiguitätstoleranzAushalten von Mehrdeutigkeit, Widersprüchen und offenem Bedeutungsraum als produktiver Zustand; Frustration entsteht durch Zwang zur vorzeitigen AuflösungFrenkel-Brunswik (1949); Zenasni et al. (2008)
N7.4 KomplexitätsaffinitätAktive Präferenz für strukturell dichte, vielschichtige Probleme; Freude an Komplexität statt Vereinfachungsdrang – Frustration entsteht durch erzwungene SimplifizierungBarron & Harrington (1981); Csikszentmihalyi (1996)
N7.5 KreativitätGenerativer Grundantrieb – das Bedürfnis, etwas Neues hervorzubringen, zu kombinieren oder zu erfindenCsikszentmihalyi (1996)
N7.6 StaunenKapazität für Ehrfurcht und Überraschung; Offenheit für das Unerwartete als eigenstndiger motivationaler Zustand – chronische Abwesenheit assoziiert mit Vitalitätsverlust Keltner & Haidt (2003); Fredrickson (2001)
N7.7 Expressiver AusdruckBedürfnis, innere Zustände durch ein Medium sichtbar zu machen – unabhängig davon, ob das Ergebnis ein Publikum findetMay (1975); Winnicott (1971)
N7.8 Schöpferische KontrolleBedürfnis, als Urheber eigener Werke zu agieren – Autorschaft und Gestaltungshoheit im Schöpfungsprozess; frustriert wenn kreative Tätigkeit ohne eigene Prägung stattfindetCsikszentmihalyi (1996); Ryan & Deci (2017)
Begriffsabgrenzung:

N7.3 Ambiguitätstoleranz vs. N7.3b Komplexitätsaffinität

Beide Facetten betreffen den Umgang mit Unklarheit und Vielschichtigkeit, unterscheiden sich jedoch in der motivationalen Richtung: Ambiguitätstoleranz (N7.3) ist reaktiv-regulativ – das Bedürfnis, Mehrdeutigkeit und offene Bedeutungsräume aushalten und als produktiv erleben zu können. Frustration entsteht durch Zwang zur vorzeitigen Auflösung, bevor ein Denkprozess seinen natürlichen Abschluss gefunden hat (Frenkel-Brunswik, 1949; Zenasni et al., 2008). Komplexitätsaffinität (N7.3b) ist appetitiv-generativ – das Bedürfnis, strukturell dichte Probleme aktiv aufzusuchen, nicht trotz ihrer Komplexität, sondern wegen ihr. Ein Forscher, der bewusst unübersichtliche Fragestellungen wählt, befriedigt N7.3b – erzwungene Vereinfachung frustriert ihn (Barron & Harrington, 1981). Die Trennlinie: „Ich halte Unklarheit aus" (N7.3) vs. „Ich suche Komplexität, weil sie mich antreibt" (N7.3b).

N7.4 Kreativität vs. N7.6 Expressiver Ausdruck vs. N7.7 Schöpferische Kontrolle
Alle drei Facetten betreffen den kreativen Erlebensraum, greifen aber motivational unterschiedliche Aspekte: Kreativität ist der generative Grundantrieb – das Bedürfnis, etwas Neues hervorzubringen, zu kombinieren oder zu erfinden, ohne spezifische Ausdrucks- oder Urheberintention. Expressiver Ausdruck ist kommunikativ-personal: das Bedürfnis, etwas Innerlich-Erlebtes durch ein Medium sichtbar zu machen. Ein Tagesbuch-Schreiber, der nie veröffentlicht, befriedigt N7.6 vollständig – das Publikum ist sekundär. Schöpferische Kontrolle ist autonom-generativ: das Bedürfnis, als Urheber zu agieren, die eigene Handschrift zu hinterlassen. Ein Architekt, der ausschließlich fremde Entwürfe umsetzt, erlebt N7.7-Frustration trotz hoher Kreativitätsanforderung. Die drei Facetten sind empirisch trennbar: N7.6 korreliert stärker mit N4 (Resonanz, Gesehen-werden), N7.7 stärker mit N2 (Authentizität, Wertkongruenz) und N3 (Meisterschaft, Wirksamkeit) (vgl. May, 1975; Csikszentmihalyi, 1996; Ryan & Deci, 2017).

N7 Kreativität & Exploration vs. N3 Kompetenz
Kreativität & Exploration werden im Alltag häufig mit Kompetenz verwechselt, sind aber motivational eigenständig: Kompetenz bezeichnet Vertiefung im Bekannten – das Erleben von Wirksamkeit, Meisterschaft und Wachstum in einem bereits erschlossenen Bereich. Kreativität & Exploration bezeichnet Neuheits- und Gestaltungssuche – den Antrieb, Unbekanntes aufzusuchen, Uneindeutiges zu ertragen und eigene Werke zu erschaffen. Jemand kann hochkompetent und nicht neugierig sein (Experte ohne Explorationsantrieb) oder hochneugierig und wenig kompetent (Anfänger mit Begeisterung). Kashdan et al. (2004) zeigen, dass Neugier als eigenständiger Prädiktor für Wohlbefinden Varianz erklärt, die über die drei SDT-Grundbedürfnisse – einschließlich Kompetenz – hinausgeht.

4.8 N8 – Freundschaft

Kernfrage: Habe ich echte, tragende Freundschaften?

Freundschaft wird im BPM als eigenständige Bedürfnisdimension modelliert – nicht als Teilmenge von N4 (Verbundenheit) oder als Kontext-Variante von K10 (Familie). Die Entscheidung gründet auf drei empirischen Befunden: Erstens sind Freundschaften eigenständige Prädiktoren für Lebenserwartung und psychische Gesundheit, deren Wirkung von familiären Bindungen und Partnerschaft statistisch unabhängig ist (Holt-Lunstad et al., 2010; Holt-Lunstad et al., 2015). Zweitens erzeugen fehlende Freundschaften eine spezifische Form sozialer Not – Einsamkeit ohne Isolation –, die durch Familie oder Partnerschaft nicht kompensiert werden kann (Weiss, 1973; Victor & Bowling, 2012). Drittens sind die Beziehungsmuster motivational unterschiedlich: Familienbeziehungen sind oft obligatorisch und asymmetrisch; Freundschaften sind freiwillig, reziprok und identitätskonstitutiv (Sias & Bartoo, 2007).

FacetteBeschreibungVerankerung
N8.1 ReziprozitätGegenseitiges Geben und Nehmen ohne formale Verpflichtung; das Erleben symmetrischer emotionaler InvestitionSias & Bartoo (2007); Bukowski et al. (1994)
N8.2 Vertraute TiefeMindestens eine Freundschaft mit echter emotionaler Tiefe und Verlässlichkeit; das Wissen, wirklich gekannt zu werdenHolt-Lunstad et al. (2010); Fehr (1996)
N8.3 GeselligkeitLeichte, freudvolle soziale Kontakte ohne emotionalen Tiefgang; das Bedürfnis nach unverbindlicher menschlicher WärmeLindenberg (2020); Carstensen (1995)
N8.4 Loyalität & VerlässlichkeitWissen, dass Freunde auch in schwierigen Phasen da sind; erlebte Stabilität der FreundschaftsbindungFehr (1996); Holt-Lunstad et al. (2015)
N8.5 Geteilte ErfahrungGemeinsame Aktivitäten, Erinnerungen und Erlebnisse als Fundament der Freundschaft; das Bedürfnis nach ErlebnisgemeinschaftCarstensen (1995); McAdams (1993)
N8.6 Gesehen-werden unter GleichenVon Freunden als vollständige Person wahrgenommen werden – jenseits von Rollen, Leistung oder Familienstatus; Anerkennung durch Wahl, nicht durch PflichtHonneth (1992)
Begriffsabgrenzung: N8 Freundschaft vs. N4 Verbundenheit vs. K8 Gemeinschaft
N4 Verbundenheit ist die übergeordnete Bedürfnisdimension – das universale Erleben von Zugehörigkeit, Intimität und Resonanz in jeder Beziehungsform (Familie, Partner, Kollegen, Gemeinschaft). N8 Freundschaft ist die spezifische Beziehungsklasse freiwilliger, reziproker, identitätsstiftender Gleichrangbeziehungen – ein eigenständiges Bedürfnismuster, das sich durch seine Motivationsstruktur von N4 unterscheidet: Während N4 das Was des sozialen Erlebens beschreibt, benennt N8 das Wer. K8 Gemeinschaft ist der Lebensbereich loser Netzwerke, Vereine und Nachbarschaft – mittelfeste soziale Verbindungen ohne Bindungscharakter. K9 Freundschaften ist der Lebensbereich enger Freundschaftsbeziehungen, in dem N8 primär erhoben wird.

 

BPM – Bedürfnisdimensionen & Facetten 8 Dimensionen · 57 Facetten · Wagner 2026 N1.1 N1.2 N1.3 N1.4 N1.5 N1.6 N1.7 N1.8 N1Sicherheit N2.1 N2.2 N2.3 N2.4 N2.5 N2.6 N2.7 N2.8 N2.9 N2Autonomie N3.1 N3.2 N3.3 N3.4 N3.5 N3.6 N3Kompetenz N4.1 N4.2 N4.3 N4.4 N4.5 N4.6 N4Verbundenheit N5.1 N5.2 N5.3 N5.4 N5.5 N5.6 N5Sinn N6.1 N6.2 N6.3 N6.4 N6.5 N6.6 N6.7 N6.8 N6Vitalität N7.1 N7.2 N7.3 N7.4 N7.5 N7.6 N7.7 N7.8 N7Kreativität N8.1 N8.2 N8.3 N8.4 N8.5 N8.6 N8Freundschaft BPM 8 Dimensionen 57 Facetten N1 Sicherheit (8) N2 Autonomie (9) N3 Kompetenz (6) N4 Verbundenheit (6) N5 Sinn (6) N6 Vitalität (8) N7 Kreativität (8) N8 Freundschaft (6)
Abbildung 1
BPM – Die acht Bedürfnisdimensionen (innerer Ring) und ihre 57 Facetten (äußerer Ring) Anmerkung. Jede Farbe repräsentiert eine Dimension; die Facetten sind gleichgewichtet dargestellt. Die Grafik dient der strukturellen Übersicht, nicht der quantitativen Gewichtung. Eigene Darstellung.
Die acht Bedürfnisdimensionen bilden den kategorialen Rahmen des BPM. Damit dieser Rahmen diagnostisch nutzbar wird, müssen Bedürfnisse jedoch nicht nur benannt, sondern in Lebensbereichen verortet und gewichtet werden. Abschnitt 5 führt die Kontextstruktur ein – das System der elf Lebensbereiche K₁–K₁₁ –, innerhalb derer jede Dimension kontextspezifisch erhoben wird.

 

5. Die Wechselwirkungsmatrix: Dimensionen als System

Die acht Dimensionen sind nicht unabhängig. Sie beeinflussen sich gegenseitig – fördernd (+), hemmend (−) oder voraussetzend (→). Diese Wechselwirkungsstruktur ist der theoretische Kern, der das BPM von einer einfachen Checkliste unterscheidet.

N1N2N3N4N5N6N7N8
N1 Sicherheit+++++
N2 Autonomie+±++±
N3 Kompetenz+++++
N4 Verbundenheit+±++++
N5 Sinn++++++
N6 Vitalität+++
N7 Kreativität & Exploration+++++
N8 Freundschaft+±+++++
→ = Voraussetzung    + = fördert    ± = ambivalent (kann fördern oder hemmen)    leer = schwache Wechselwirkung

 

Drei systemische Konsequenzen sind besonders relevant: N1 (Sicherheit) ist Grundbedingung für N7 (Neugier) – Bedrohungswahrnehmung unterdrückt Explorationsverhalten neurologisch (Fredrickson, 2001). N5 (Sinn) ist globaler Resilienzmodulator – Sinnerleben erhöht die Frustrationstoleranz in allen anderen Dimensionen (Antonovsky, 1987). N6 (Vitalität) dämpft bei Unterversorgung die Wahrnehmungsfähigkeit für Erfüllung in N2–N7 – chronische Erschöpfung ist ein somatischer Filter auf alle anderen Bedürfnisse.

Die Lebensbereichsstruktur K₁–K₁₁ definiert, wo Bedürfnisse erhoben werden. Abschnitt 6 klärt das formale Herzstück des BPM: die Bedürfnis-Kontext-Matrix (BKM), die beide Achsen – Dimensionen und Lebensbereiche – in einem strukturierten Erhebungsraster zusammenführt.

 

6. Die elf Lebensbereiche und der Selbst-Metakontext

Bedürfnisse entstehen nie im Vakuum – sie werden in konkreten Lebensbereichen erlebt, erfüllt oder frustriert. Das BPM strukturiert das Leben einer Person in elf Lebensbereiche (K1–K11) sowie einen eigenständigen Selbst-Metakontext (KS). Die Grundstruktur folgt dem Lebensrad aus Reichtum bewusst und systematisch erschaffen (Wagner, 2025), erweitert dieses jedoch: Der dort zusammengefasste Bereich „Familie & Freunde" wird im BPM diagnostisch aufgesplittet in K10 Familie & Herkunft und K9 Freundschaften – da beide Kontexte motivational distinkte Bedürfnismuster aktivieren und eine gemeinsame Erhebung diagnostisch relevante Unterschiede verschleiert.

BereichBezeichnungInhalt & AbgrenzungPrimäre Bedürfnissignatur
K1Persönliches Wachstum & LernenBildung, Selbstentwicklung, Reflexion, Kompetenzaufbau jenseits des BerufsN3 gesamt, N7 gesamt
K2Sinn & SpiritualitätGlaube, Weltanschauung, Rituale, Zugehörigkeit zu Sinngemeinschaften. Nicht Sinnerleben als solches (→ N5), sondern der gelebte Kontext, in dem Sinn konstruiert und praktiziert wirdN5 gesamt, N2.4, N4.5
K3Geld & FinanzenEinkommenssituation, finanzielle Sicherheit und materieller Handlungsspielraum – vom existenziellen Fundament bis zur Gestaltungsfreiheit. Erhebt sowohl Sicherheits- als auch Autonomiebedürfnisse im finanziellen KontextN1.1, N1.5, N1.7, N2.5, N2.8, N2.9
K4Beruf & KarriereArbeitstätigkeit, Aufgaben, Kolleg:innen, Führung, Organisation – schließt das Kollegiale und Organisationale einN2, N3, N5 (breiteste Signatur)
K5Gesundheit & FitnessKörperliches Wohlbefinden, Bewegung, Ernährung, Schlaf, Umgang mit KrankheitN6 gesamt, N1.2, N3.5
K6Spaß & ErholungHobbys, Freizeitgestaltung, Regeneration, spielerische AktivitätenN6.3–N6.5, N7.5, N2.2
K7Umgebung & LebensqualitätWohnsituation, Stadtumfeld, Natur, Ästhetik des Alltags; physische und räumliche Qualität der Lebenswelt – erhebt Sicherheits-, Autonomie- und Vitalitätsbedürfnisse im räumlichen KontextN1.5–N1.6, N1.8, N2.7, N6.5, N6.7, N6.8
K8Gemeinschaft & soziale NetzwerkeVereine, Netzwerke, Nachbarschaft, lose Bekanntschaften; mittelfeste soziale Verbindungen ohne primären Bindungscharakter – nicht enge Freundschaften (→ K9) und nicht Familie (→ K10)N4.1, N4.3–N4.4, N7.2
K9FreundschaftenEnge, freiwillige, reziproke Freundschaftsbeziehungen mit Bindungscharakter; das Erleben echter, tragfähiger Gleichrangbeziehungen. Primärer Erhebungskontext für N8N8 gesamt, N4.2, N4.4
K10Familie & HerkunftPrimäre Bindungen: Herkunftsfamilie, eigene Familie, Elternschaft. Schließt enge, familienähnliche Beziehungen ein; Freundschaften mit Bindungscharakter werden ab dieser Version in K9 erhobenN1.3–N1.4, N4.2, N4.5–N4.6, N5.6
K11Partner & LiebeRomantische Partnerschaft, Paardynamik, Intimität und Bindung in der Zweierbeziehung. Auch für Singles relevant: als Wunsch, Abwesenheit oder bewusste Entscheidung erhobenN4 gesamt, N2.3–N2.4, N6.2
KSSelbst (Metakontext)Selbstbild, Selbstakzeptanz, innere Kohärenz. Kein Lebensbereich im gewöhnlichen Sinne, sondern Projektionsfunktion auf alle anderen Bereiche (→ Abschnitt 10). Wird als Systemparameter Si modelliert.Universell – filtert alle K1–K11
Abgrenzung: K8 Gemeinschaft vs. K9 Freundschaften vs. K10 Familie
Die Auftrennung dieser drei Kontexte folgt einer motivationalen Logik, nicht einer soziologischen: K8 Gemeinschaft umfasst Netzwerke, in denen N4.1 (Zugehörigkeit) und N4.3 (Gesehen-werden) im Vordergrund stehen – die Bindung ist locker und thematisch verankert. K9 Freundschaften umfasst freiwillige Gleichrangbeziehungen, in denen N8 (Reziprozität, Tiefe, Loyalität) primär erhoben wird – die Bindung ist emotional, aber ohne Verpflichtungsstruktur. K10 Familie umfasst obligatorische oder quasi-obligatorische Primärbindungen, in denen N1.4 (Bindungssicherheit) und N4.5–N4.6 (Fürsorge geben/empfangen) dominieren. Die diagnostisch relevante Frage: In welchem Kontext ist welches soziale Bedürfnis chronisch frustriert – und kann es durch einen anderen sozialen Kontext kompensiert werden?
Abgrenzung: K4 Beruf & Karriere – Einschluss des Kollegialen
Das frühere BPM-Schema enthielt einen eigenständigen Bereich „Kollegen & Organisation". Dieser Inhalt ist jetzt in K4 integriert: Die Qualität kollegialer Beziehungen, Teamdynamiken und Organisationskultur sind nicht vom Beruf trennbar – sie konstituieren ihn mit. Verbundenheitsbedürfnisse (N4) am Arbeitsplatz werden in K4 erhoben. K8 (Gemeinschaft) bezeichnet ausschließlich berufsexterne Netzwerke.

Die elf Lebensbereiche bilden das Raster der Bedürfnis-Kontext-Matrix (BKM): Jede der 57 Facetten kann für jeden der elf Bereiche K1–K11 erhoben werden. KS (Selbst) erhält eine modifizierte Erhebungslogik als Selbst-Bedürfnis-Matrix (SBM, → Abschnitt 10). Die theoretische Vollmatrix umfasst 56 × 11 = 616 Zellen für die externen Bereiche – in der Praxis sollte allerdings auf kontextspezifische Subsets reduziert werden.

Die BKM legt fest, welche Bedürfnis-Kontext-Kombinationen erhoben werden. Abschnitt 7 beschreibt das Erhebungsprotokoll, mit dem diese Zellen befüllt werden: das RIFE-Protokoll als strukturiertes Vier-Komponenten-Erhebungsformel zur Erhebung jeder BKM-Zelle.

 

7. Das RIFE-Protokoll: Erhebungsstruktur

Jede Zelle der Bedürfnis-Kontext-Matrix (BKM) – also jede Kombination aus Facette und Lebensbereich – wird durch das RIFE-Protokoll erhoben. RIFE steht für vier Erhebungskomponenten, die zusammen die vollständige Bedürfnisdynamik einer Zelle erfassen: den tatsächlichen Erfüllungsgrad, die vorgestellte Erfüllung, das Frustrationserleben und die Bereitschaft, Erfüllung zuzulassen.

 

Die vier Komponenten im Überblick:  R (Real) – tatsächlich wahrgenommene Erfüllung  ·  I (Imaginär) – vorgestellte oder konstruierte Erfüllung  ·  F (Frustration) – wahrgenommenes Defizit, dreifach differenziert  ·  E (Entscheidung) – Offenheit, Erfüllung zuzulassen

 

R Real – Wahrgenommene tatsächliche Erfüllung

Was nimmt die Person in diesem Bereich als tatsächlich erfüllt wahr? Skala 1–7 (1 = überhaupt nicht erfüllt, 7 = vollständig erfüllt). Wissenschaftlich: „Meine Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schlaf und Versorgung sind zuverlässig gedeckt." Alltagssprachlich: „Ich muss mir keine Sorgen machen, ob das Nötigste da ist."

Skalenverankerung: 1 – „Dieses Bedürfnis ist in diesem Bereich überhaupt nicht erfüllt"; 4 – „Teilweise erfüllt, mit spürbaren Lücken"; 7 – „Vollständig und zuverlässig erfüllt."

I Imaginär – Konstruierte oder vorgestellte Erfüllung

In welchem Ausmaß stellt sich die Person Erfüllung vor oder redet sie sich ein? Imaginäre Erfüllung kann adaptiv sein (Hoffnung, Resilienz) oder maladaptiv (Rationalisierung, Selbsttäuschung). Skala 1–7 (1 = keine vorgestellte Erfüllung; 7 = Erfüllung ausschließlich imaginär konstruiert). Die Diskrepanz R–I ist diagnostisch bedeutsam: I > R deutet auf Rationalisierung; R > I auf Schwierigkeit, vorhandene Erfüllung wahrzunehmen und anzunehmen.

Skalenverankerung: 1 – „Ich stelle mir keine Erfüllung vor, ich nehme nur wahr, was tatsächlich da ist"; 4 – „Ich ergänze die Realität etwa zur Hälfte durch Vorstellung oder Erwartung"; 7 – „Mein Erleben von Erfüllung ist nahezu ausschließlich vorgestellt – unabhängig davon, was tatsächlich vorhanden ist."

F Frustration – Wahrgenommenes Erfüllungsdefizit (dreifach differenziert)

Frustration wird in drei Subkomponenten erhoben, jede auf einer Skala 1–7 (1 = kein Frustrationserleben, 7 = maximale Frustration):

  • FQ (Qualität): Die Art der Erfüllung ist unzureichend – „Die Art, wie dieses Bedürfnis erfüllt wird, entspricht nicht dem, was ich wirklich brauche."
  • FH (Häufigkeit/Kontinuität): Erfüllung ist zu selten oder unterbrochen – „Dieses Bedürfnis wird zu selten oder zu unregelmäßig erfüllt."
  • FE (Steuerbarkeit): Geringe Einflussnahme auf die eigene Erfüllung – „Ich habe kaum Einfluss darauf, ob und wie dieses Bedürfnis erfüllt wird."

Der Gesamt-Frustrationswert ergibt sich als F = (FQ + FH + FE) / 3. Bei klinischer oder therapeutischer Anwendung kann eine differenzierte Gewichtung der Subkomponenten vorgenommen werden, wenn einzelne Frustrationsquellen diagnostisch im Vordergrund stehen.

Skalenverankerung (gilt für FQ, FH und FE gleichlautend): 1 – „Kein Frustrationserleben in dieser Facette"; 4 – „Spürbare, aber tolerierbare Frustration"; 7 – „Maximale Frustration – dieses Defizit belastet mich stark."

E Entscheidung – Bereitschaft, Erfüllung zuzulassen

Der Entscheidungsfaktor E ∈ [0,1] erfasst die Offenheit für Erfüllung: E = 1 bedeutet, die Person nimmt vollständig wahr, was tatsächlich vorhanden ist; E = 0 bedeutet, Erleben ist ausschließlich durch vorgestellte Erfüllung bestimmt, unabhängig von der Realität. In KS (Selbst-Metakontext) wird E zu ESelbst – der Selbstöffnung und Selbstakzeptanz (Neff, 2003).

Skalenverankerung: E = 1,0 – „Ich nehme vollständig wahr, was tatsächlich da ist"; E = 0,5 – „Ich nehme etwa zur Hälfte wahr, was real vorhanden ist – die andere Hälfte ergänze ich durch Hoffnung oder Erwartung"; E = 0,0 – „Ich lebe vollständig in einer vorgestellten Erfüllung, unabhängig von der Realität."

Die vier Komponenten fließen in die Facettenbilanz ein: Der effektive Erfüllungswert einer BKM-Zelle ergibt sich als

BBi(Kk, Nn) = w · (R · E + I · (1−E)) − F · v · (1−ρ)
w = Facettengewicht  |  v = Frustrationstoleranz  |  ρ = kontextspezifische Resilienz
Lesart: Der gewichtete Erfüllungswert aus realer und imaginärer Wahrnehmung wird um den durch Toleranz und Resilienz gedämpften Frustrationsanteil reduziert.

Ergänzend wird für jede Facette die Frustrationstoleranz v erhoben – wie stark belastet Frustration in dieser Facette das Gesamtbefinden? v wird auf einer Skala 0–1 erhoben (0 = Frustration hat keinen Einfluss auf das Wohlbefinden; 1 = Frustration in dieser Facette ist maximal belastend) und durch die kontextspezifische Resilienz ρ moderiert (→ Abschnitt 10).

 

Das RIFE-Protokoll: Systemmodell einer BKM-Zelle Facettenbilanz BBi (Kk, Nn) aus vier Komponenten · Wagner (2026) R – Real Wahrgenommene Erfüllung (1–7) I – Imaginär Konstruierte Erfüllung (1–7) E – Entscheidung Öffnung für Erfüllung E=1 → nur R wirkt E=0 → nur I wirkt KS: E = Selbst- öffnung · E ∈ [0,1] R·E + I·(1−E) gewichtet · w Σ BBi (Kk, Nn) Facettenbilanz 1 Zelle der BKM F – Frustration FQ · FH · FE dreifach differenz. v Frustrations- toleranz [0–1] ρ Resilienz kontextspez. · v · (1−ρ) = Dämpfung
Abbildung 2
Das RIFE-Protokoll – Systemmodell einer BKM-Zelle
Anmerkung. R (real) und I (imaginär) fließen durch den Entscheidungsfaktor E (Öffnung für Erfüllung). Das gewichtete Ergebnis R·E + I·(1−E) fließt in den Summationsknoten Σ. Die Frustration F, dreifach differenziert (FQ, FH, FE), wirkt als durch Toleranz v und Resilienz ρ gedämpfte Gegenkraft (−). Ergebnis ist die Facettenbilanz BBi(Kk, Nn) – eine Zelle der Bedürfnis-Kontext-Matrix. Eigene Darstellung.
Konzeptuelle Brücke: Wahrnehmungskompass und RIFE-Protokoll
Die vier Komponenten des RIFE-Protokolls entsprechen strukturell einer Unterscheidung, die in Wagner (2025) bereits phänomenologisch als Wahrnehmungskompass eingeführt wurde. Wer die vier Wahrnehmungsströmungen – Gegebenheiten, Gedanken, Gefühle und Geschichten – bewusst wahrnimmt und erkennt, welche in einem Moment dominiert, operiert intuitiv auf denselben Unterscheidungen, die das RIFE-Protokoll formal operationalisiert. Der Kompass beschreibt dabei keine gleichgewichtigen Kategorien, sondern konkurrierende Strömungen: Immer wirken alle vier gleichzeitig, doch jeweils eine dominiert die Wahrnehmung – und genau diese Dominanzstruktur ist diagnostisch entscheidend.
Das RIFE-Protokoll übersetzt diesen intuitiven Zugang in eine messbare Erhebungslogik: R erfasst die Gegebenheitsebene als tatsächlich wahrgenommene Erfüllung, I die konstruierte Gedanken- und Vorstellungsebene, F die affektive Strömung des Frustrierens und Fehlens, E die Entscheidungsebene als Offenheit, wahrzunehmen, was tatsächlich vorhanden ist.
Wahrnehmungskompass (Wagner 2025) RIFE-Komponente Erhebungsebene im BPM
Gegebenheiten – objektive Fakten R – reale Erfüllung Kanal 1, explizite Selbstauskunft
Gedanken – kognitive Interpretation I / E – imaginäre Konstruktion + Entscheidungsfaktor R-I-Diskrepanz, E-Gate
Gefühle – affektive Signale F – Frustration (FQ, FH, FE) Kanal 2, impliziter Kanal (Modul B)
Geschichten – narrative Überzeugungen E + N5.6 Narrativ-Kohärenz + KS Selbst-Metakontext, Diskrepanz Δexpl/impl

Der Wahrnehmungskompass fungiert damit als narratives Vorinstrument zur BKM-Erhebung: Er macht implizite Inhalte sprachfähig, bevor Kanal 1 (explizit) die formale Erfassung übernimmt – und bereitet den Boden für die in Abschnitt 9 beschriebene Drei-Kanal-Erhebung vor.

Das RIFE-Protokoll liefert die Rohdaten der Erhebung. Abschnitt 8 zeigt, wie aus diesen Rohdaten eine formale Bedürfnisbilanz berechnet wird – die Bedürfnis-Kontext-Bilanz BBi(Kk)Nn als quantifizierbares Maß individueller Bedürfniserfüllung.

 

8. Die Formelarchitektur: Von der Facette zur Gesamtbilanz

Die in Abschnitt 7 eingeführte Facettenbilanz BBi(Kk, Nn) = w·(R·E + I·(1−E)) − F·v·(1−ρ) bildet die Grundeinheit der folgenden Aggregationsformeln F1–F4. Abschnitt 8 überführt diese Zellwerte schrittweise in Dimensions-, Kontext- und Gesamtbilanzen.

8.1 Facettenbilanz (Mikroebene)

BBi(Kk)Nn, Sn,s = (Ri · Ei + Ii · (1 − Ei)) · wFi · v · (1 − ρ)
F1: Facettenbilanz – Grundformel pro Zelle der BKM
Ri = reale Erfüllung 1–7   Ii = imaginäre Erfüllung 1–7   Ei = Entscheidungsfaktor 0–1   w = Gewichtung R/I   Fi = Frustration   v = Frustrationstoleranz   ρ = Resilienz 0–1
Wie gut ein Bedürfnis in einer konkreten Situation erfüllt ist, ergibt sich aus dem gewichteten Zusammenspiel von realem und vorgestelltem Erleben – vermindert um die tatsächliche Frustration, die je nach Toleranz und Resilienz der Person unterschiedlich stark ins Gewicht fällt.

8.2 Dimensionsbilanz (Mesoebene)

BBi(Kk)Nn = ∑s=1Sn BBi(Kk)Nn, Sn,s · σn,s
F2: Aggregation aller Facetten einer Dimension im Kontext Kk
σn,s = subjektives Facettengewicht, mit Σ σn,s = 1
Die Bilanz einer Bedürfnisdimension in einem Lebensbereich ist der gewichtete Durchschnitt aller zugehörigen Facettenwerte – wobei die Person selbst bestimmt, welche Facette ihr wie wichtig ist.

8.3 Kontextbilanz (Makroebene)

BBi(Kk) = ∑n=18 BBi(Kk)Nn · ωn
F3: Aggregation aller Dimensionen im Kontext Kk
ωn = subjektives Dimensionsgewicht, mit Σ ωn = 1
Die Gesamtbilanz eines Lebensbereichs ergibt sich aus den acht Dimensionsbilanzen, gewichtet danach, wie zentral jede Dimension (z. B. Autonomie, Verbundenheit) für diese Person in diesem Kontext ist.

8.4 Gesamtbilanz und affektiver Zustand

BBi = ∑k=111 BBi(Kk) · φk  +  Si · φS     Gi = f(BBi)
F4: Gesamtbilanz – elf Lebensbereiche K1–K11 plus Selbstbilanz Si
φk = Kontextgewicht, mit Σk=110 φk + φS = 1    Si = Selbstbilanz (Metakontext KS)    Gi = Gesamtzufriedenheit
Die persönliche Gesamtbilanz ist die gewichtete Summe aller elf Lebensbereiche plus der Selbstbilanz Si als eigenständigem Term. KS (Selbst) ist kein Lebensbereich wie K1–K10: Es geht additiv in die Bilanz ein und wirkt darüber hinaus als Projektionsfunktion auf alle anderen Bereiche.

 

Formelarchitektur – Vier-Ebenen-Aggregation Von der Facette zur Gesamtbilanz · Gewichtsparameter σ, ω, φ · Wagner 2026 MIKRO — Facettenbilanz BB(Kk, Nn, Sn,s) RIFE-Protokoll: (R·E + I·(1−E))·w − F·v·(1−ρ) · Gewicht: σn,s mit Σσ = 1 57 Facetten × (11 Lebensbereiche + K_S) = 684 potenzielle Zellen aggregiert mit Gewicht σn,s MESO — Dimensionsbilanz BB(Kk, Nn) Σ BB(Kk, Nn, Sn,s) · σn,s über alle Facetten s einer Dimension 8 Dimensionen × 12 Lebensbereiche = 96 Dimensionsbilanzen aggregiert mit Gewicht ωn MAKRO — Kontextbilanz BB(Kk) Σ BB(Kk, Nn) · ωn über alle 8 Dimensionen 11 Kontextbilanzen K1–K11 + Selbst-Metakontext K_S aggregiert mit Gewicht φk SYSTEM — Gesamtbilanz BB_gesamt Σ BB(Kk) · φk · Φ(BB(i)) · f(N5) · g(N6) + BB(i) · φ10 G = f(BB_gesamt) — affektiver Gesamtzustand Moderatoren f(N5) Sinn → ρ g(N6) Vitalität h(N1) → N7 Φ(BB(i)) Selbst wirken auf Ebene 3→4
Abbildung 3
Formelarchitektur – Vier-Ebenen-Aggregation von der Facette zur Gesamtbilanz Anmerkung. Die Abbildung zeigt die hierarchische Verdichtungslogik des BPM: Mikro (Facette) → Meso (Dimension) → Makro (Kontext) → System (Gesamtbilanz). Gewichtsparameter α, β, κ sind subjektiv und kontextspezifisch. Eigene Darstellung.
Die Bilanzformeln setzen voraus, dass Bedürfnisse valide erfasst wurden. Explizite Selbstauskunft allein ist dafür nicht hinreichend – ein zentraler Befund der Motivationspsychologie. Abschnitt 9 erweitert die Erhebungsarchitektur um implizite und behaviorale Kanäle und zeigt, wie deren Diskrepanz zur expliziten Auskunft diagnostisch genutzt wird.

 

9. Unbewusste Bedürfnisse: Das Drei-Kanal-Modell

Der diagnostisch entscheidende Befund McClellands (1985): Explizite Selbstauskunft und implizite Motive korrelieren schwach (r ≈ .10–.20). Das bedeutet: Was eine Person bewusst über ihre Bedürfnisse berichtet, stimmt systematisch nicht mit dem überein, was implizite Verfahren und Verhaltensmuster zeigen. Das RIFE-Protokoll erfasst primär den expliziten Kanal. Das BPM erweitert die Erhebung um zwei weitere Kanäle, die andere Ebenen des Bedürfniserlebens zugänglich machen:

KanalInstrumentErfasst
Kanal 1
Explizit
RIFE-Protokoll, BKM Bewusste Bedürfniswahrnehmung, IST/WUNSCH/DELTA
Kanal 2
Implizit
MMG (Schmalt), OMT (Kuhl), TAT/PSE, Bildassoziation Unbewusste Motive, spontane Assoziationen
Kanal 3
Behavioral
ESM (Experience Sampling), 360°-Feedback, Verhaltenslog Tatsächliche Verhaltensmuster als Bedürfnis-Proxy

 

Für Lebensbereiche mit hoher sozialer Erwünschtheitsverzerrung – insbesondere K9 (Freundschaften) und K11 (Partnerschaft) – empfiehlt das BPM standardmäßig die Kombination aus Kanal 2 und Kanal 3, da eine rein explizite Erhebung N8-Frustration und Bindungsmuster systematisch unterschätzt.

 

9.1 Modulare Erhebungsarchitektur

Die drei Kanäle sind in vier operative Module unterteilt, die aufeinander aufbauend eingesetzt werden können. Modul A ist obligatorisch und deckt den expliziten Kanal vollständig ab. Module B und C operationalisieren Kanal 2 in zwei methodisch verschiedenen Zugängen: Modul B nutzt standardisierte projektive Verfahren (MMG, OMT), Modul C semiprojektive Formate wie Satzergänzung und Bildauswahl – primär für die emotionalen Lebensbereiche K10 (Familie) und K11 (Partnerschaft). Modul D schließt Kanal 3 durch Längsschnitt-Verhaltensbeobachtung:

ModulKanalInhaltInstrumentDauer
A · Kernmatrix 1 · Explizit RIFE-Protokoll, K1–K11, IST/WUNSCH/DELTA BKM 30–45 Min.
B · Implizite Motive 2 · Implizit N3, N4, N2, N8 implizit erhoben MMG oder OMT 20–30 Min.
C · Semiprojektiv 2b · Implizit Satzergänzung, Bildauswahl (K10, K11) Projektiv 15–20 Min.
D · Verhaltenslog 3 · Behavioral 3× tägl. ESM über 14 Tage Experience Sampling 2–3 Min./Eintrag

 

9.2 Diskrepanzanalyse: Der diagnostische Mehrwert

Der eigentliche diagnostische Mehrwert der Drei-Kanal-Erhebung entsteht nicht aus den Einzelkanalwerten, sondern aus ihrer Abweichung voneinander. Das Kernmaß ist die Diskrepanz zwischen explizitem und implizitem Kanal:

Δexpl–impl = BBiexplizit(Kk)NnBBiimplizit(Kk)Nn
F11: Diskrepanz explizit–implizit als Diagnose-Kernmaß
Positive Werte zeigen, dass die Person ihre Situation besser einschätzt als implizite Verfahren nahelegen – ein Hinweis auf Rationalisierung oder kognitive Schutzstrategie. Negative Werte zeigen das Gegenteil: emotionale Belastung, die nicht in die Selbstauskunft einfließt – ein Hinweis auf Suppression oder Verdrängung.

Wenn alle drei Kanäle vorliegen, lässt sich die Kanalinkongruenz einer Facette als mittlere quadratische Abweichung quantifizieren:

IKn = √[ (En − M̄)2 + (In − M̄)2 + (Bn − M̄)2 ] / 3
F12: Inkongruenzwert IKn einer Facette
E = expliziter Kanalwert  |  I = impliziter Kanalwert  |  B = behavioraler Kanalwert  |  M̄ = Mittelwert der drei Kanäle

Ein hoher IKn-Wert markiert die Facette als diagnostischen Schwerpunkt. Für die Gesamtbilanz BBi gilt: Bei hoher Inkongruenz wird der implizite Kanalwert stärker gewichtet, da er robuster gegenüber sozialer Erwünschtheit ist (McClelland, 1985; Schultheiss & Brunstein, 2010). Kanalabweichungen sind im BPM kein Messfehler – sie sind diagnostische Information:

MusterΔInterpretation
Kongruenz≈ 0 Bewusstes und unbewusstes Erleben stimmen überein
Rationalisierung> 0 Explizit besser als implizit – kognitive Schutzstrategie, niedriger E-Wert wahrscheinlich
Suppression< 0 Implizit stärker belastet als bewusst artikuliert – Verdrängung oder fehlende Sprache für das Erleben
Behavioral isoliertB ≠ E, B ≠ I Verhalten zeigt Muster ohne bewusste oder emotionale Entsprechung – Hinweis auf kompensatorische Automatismen

 

Das Drei-Kanal-Modell der Bedürfniserhebung Explizit · Implizit · Behavioral — und ihre diagnostisch relevante Diskrepanz · Wagner 2026 Kanal 1 Explizit RIFE-Protokoll BKM (IST/WUNSCH) Erfasst: Bewusste Bedürfnis- wahrnehmung Modul A Kanal 2 Implizit MMG · OMT · TAT/PSE IAT · Bildassoziation Erfasst: Unbewusste Motive, spontane Assoziationen Modul B+C Kanal 3 Behavioral ESM · 360°-Feedback Verhaltenslog Erfasst: Tatsächl. Verhalten als Bedürfnis-Proxy Modul D McClelland (1985): Kanal 1 ↔ Kanal 2 Korrelation: r ≈ .10–.20 Δ Diskrepanzanalyse (diagnostischer Mehrwert) Δ ≈ 0 Kongruenz K1 = K2 stimmig kein Handlungsbedarf Δ > 0 Rationalisierung explizit besser als implizit — Schutz Δ < 0 Suppression fühlt mehr als eingestanden — Verdräng.
Abbildung 4
Das Drei-Kanal-Modell der Bedürfniserhebung – Explizit (Modul A), Implizit (Modul B · C) und Behavioral (Modul D) sowie ihre diagnostisch relevante Diskrepanzstruktur Anmerkung. Kanal 2 umfasst Modul B (standardisiert-projektiv: MMG, OMT) und Modul C (semiprojektiv: Satzergänzung, Bildauswahl). Eigene Darstellung.

 

Die Drei-Kanal-Erhebung liefert ein differenziertes Bedürfnisprofil – aber noch keine Gesamtaussage. Dafür müssen die Kanalwerte gewichtet und moderiert werden: Abschnitt 10 führt Resilienz, Vitalität und Selbstbild als systemische Parameter ein, die bestimmen, wie stark Bedürfnisfrustrationen das Gesamtbild beeinflussen.

 

10. Systemparameter: Resilienz, Sinn, Vitalität, Neugier

Die Moderation der Kanalwerte erfolgt nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch ein Zusammenspiel von vier Systemparametern: Resilienz, Sinn, Vitalität und Neugier. Jeder Parameter greift an einem anderen Punkt in die Frustrationsdynamik ein – als Dämpfer, als Sinngebung, als energetische Basis oder als kognitive Offenheit. Erst ihr Zusammenwirken erklärt, warum gleiche Bedürfnisprofile zu sehr unterschiedlichen Belastungsverläufen führen können.

10.1 Resilienz ρ als Frustrationsmoderator

Resilienz ist nicht global, sondern kontextspezifisch: ρk ∈ [0,1] je Lebensbereich. Sie wirkt auf drei Ebenen der Frustrationsdynamik: Sie dämpft die wahrgenommene Intensität von Frustration (FQ), verzögert den Übergang von Indifferenz in den negativen Bereich (Frustrationsgeschwindigkeit) und verschiebt die Schwelle, ab der Frustration in strukturelle Belastung umschlägt.

BLi(Kk) = Fi(Kk) · v · (1 − ρk)
F5: Belastungsscore: Frustration gedämpft durch Toleranz und Resilienz
Fi = Frustrationswert im Kontext   v = Frustrationstoleranz   ρk = kontextspezifische Resilienz 0–1
Wie stark ein unerfülltes Bedürfnis tatsächlich belastet, hängt nicht nur von der Frustration selbst ab – sondern davon, wie gut die Person damit umgehen kann. Hohe Resilienz und Toleranz reduzieren den Belastungseffekt erheblich.

10.2 Sinn als globaler Resilienzmodulator

Sinn (N5) ist die einzige Dimension, die retroaktiv wirkt: Sinnerleben kann vergangene Frustration in anderen Bereichen nachträglich integrieren und umdeuten (Frankl, 1959). Das macht Sinn zum globalen Resilienzmodulator – hohe Sinnbilanz erhöht die Frustrationstoleranz in allen anderen Dimensionen (Antonovsky, 1987).

ρgesamt = ρbasis · f(BBi(N5))
F6: Resilienz als Funktion der Sinn-Dimension N5
ρbasis = dispositionelle Grundresilienz   BBi(N5) = Sinnbilanz der Person
Resilienz ist keine feste Größe – sie wird durch das Sinnerleben moduliert. Wer dem eigenen Leben Bedeutung zuschreibt, federt Frustrationen systemisch besser ab. Sinn wirkt als globaler Schutzfaktor.

10.3 Vitalität als somatischer Dämpfungsfaktor

Vitalität (N6) ist die biologische Grundlage des gesamten Bedürfnissystems. Chronische Vitalitätsdefizite dämpfen die Wahrnehmungsfähigkeit für Erfüllung in N2–N7 systematisch – wer erschöpft ist, erlebt Kompetenz, Verbundenheit und Sinn reduziert, selbst wenn sie objektiv vorhanden sind.

BBi(Kk)effektiv = BBi(Kk) · g(BBi(N6))
F7: Vitalität N6 als somatischer Dämpfungsfaktor
g(BBi(N6)) = Dämpfungsfunktion auf Basis der Vitalitätsbilanz, Wertebereich 0,5–1,0
Körperliche Erschöpfung, Schlafmangel oder chronische Dysregulation senken die effektive Bilanz in allen Lebensbereichen – unabhängig davon, wie gut die psychologischen Bedürfnisse erfüllt sind. Vitalität ist die somatische Grundbedingung.

10.4 Neugier als Voraussetzungsfunktion

Neugier (N7) ist strukturell von Sicherheit (N1) abhängig: Bei stark negativer Sicherheitsbilanz wird Exploration neurologisch unterdrückt. Bedrohungswahrnehmung engt den kognitiven Suchraum ein (Fredrickson, 2001: broaden-and-build). Gleichzeitig ist N7 die einzige Dimension mit positiver Rückkopplungsschleife (curiosity spiral, Kashdan et al., 2004): Neugier erzeugt Exploration, die neue Fragen erzeugt.

BBi(N7)effektiv = BBi(N7) · h(BBi(N1))
F8: Sicherheit N1 als Moderator der Neugier N7
h(BBi(N1)) = Moderationsfunktion, Wertebereich 0,5–1,0
Neugier und Exploration entfalten sich nur dann voll, wenn ein ausreichendes Sicherheitsfundament besteht. Wer sich existenziell oder psychologisch bedroht fühlt, zieht sich zurück – auch wenn das Neugier-Bedürfnis an sich stark ist.

 

Mit Bedürfnisdimensionen, Lebensbereichen, Bilanzformeln, Erhebungskanälen und Systemparametern sind alle Komponenten des BPM eingeführt. Abschnitt 11 zeigt, wie sie in der Praxis zusammenwirken – am Beispiel eines vollständigen Erhebungsdurchlaufs mit Profilinterpretation.

 

11. KS – Die Selbst-Matrix (SBM)

In K1–K11 bewertet das Subjekt i ein externes Bezugsobjekt X. Bei KS gilt i = X: Das Subjekt ist zugleich Bezugsobjekt. Das erzeugt drei strukturelle Besonderheiten: (1) Es gibt keine unabhängige externe Rückkopplung – Selbstbild ist immer auch Selbstprojektion. (2) Die Selbstbilanz BBi(i) wirkt als Filterlinse auf alle externen Kontextbilanzen. (3) Der Entscheidungsfaktor wird zu ESelbst – der Fähigkeit, sich selbst gegenüber offen, ehrlich und akzeptierend zu sein (Neff, 2003). KS ist damit kein elfter Lebensbereich, sondern ein Metakontext: Er moduliert, wie alle anderen Bilanzen erlebt und bewertet werden.

11.1 Projektionsfunktion Φ

Diese strukturelle Sonderrolle lässt sich formal fassen. Die Selbstbilanz BBi(i) wirkt nicht isoliert, sondern als Skalierungsfunktion Φ auf alle externen Kontextbilanzen K1–K11: Ein negatives Selbstbild dämpft wahrgenommene Erfüllung auch dort, wo objektiv Erfüllung vorliegt – ein positives Selbstbild verstärkt sie.

BBi(Kk)effektiv = BBi(Kk) · Φ(BBi(i))
Φ(BBi(i)) = 1/(1 + eBBi(i)) · 1,5 + 0,5
F09/F10: Selbstbilanz als Projektionsfunktion auf alle externen Kontexte
BBi(i) = Selbstbilanz (KS)    Φ = Sigmoid-Skalierung, Wertebereich 0,5–2,0
Das Selbstbild wirkt wie ein Verstärker oder Dämpfer auf alle anderen Lebensbereiche. Wer sich selbst positiv bewertet, wertet auch externe Bilanzen auf – und umgekehrt. Die Sigmoid-Funktion stellt sicher, dass dieser Effekt nicht linear eskaliert.

 

BBi(i) Φ Wirkung
Stark negativ → 0,5 Externe Erfüllung wirkt nur halb so stark (Lob wird abgewehrt, Nähe misstraut)
Neutral (= 0) = 1,25 Leichte Grundverstärkung (Inflektionspunkt der Sigmoid-Funktion)
Stark positiv → 2,0 Externe Erfüllung wird doppelt wahrgenommen

 

Beispiel: Eine Person mit stark negativem Selbstbild (BBi(i) = −3,0 auf einer Skala von −6 bis +6; Φ ≈ 0,57) nimmt eine objektiv sehr gute Partnerschaftssituation (BBPartner = 5,8 von maximal 7) gefiltert nur als 3,3 wahr – ein mittelmäßiges Erleben trotz exzellenter äußerer Lage. Nicht die Situation ist das Problem, sondern das Selbstbild als dämpfende Filterlinse. Interventionen, die nur den Partnerschaftskontext adressieren, greifen systemisch zu kurz: Der Schlüssel liegt in KS.

 

Projektionsfunktion Φ – Selbstbilanz als Wahrnehmungsfilter Φ(BBi(i)) = 1/(1+e−BB) · 1,5 + 0,5 · Effekt auf alle externen Kontextbilanzen · Wagner (2026) Φ=1,0 Φ→2,0 Φ→0,5 Φ=1,25 bei BBi(i)=0 Φ=1,0 bei BBi(i)≈−0,69 BBi(i) — Selbstbilanz (KS) −6 −4 −2 0 2 4 6 Φ — Skalierungsfaktor 2,00 1,75 1,50 1,25 1,00 0,75 0,50 negatives Selbstbild Φ → 0,5 Lob wird halbiert positives Selbstbild Φ → 2,0 Erfüllung ×2 wahrgenommen
Abbildung 5
Projektionsfunktion Φ – Selbstbilanz als Wahrnehmungsfilter auf externe Kontextbilanzen Anmerkung: Sigmoid-Skalierungseffekt der Selbstbilanz BBi(i) auf externe Bilanzen (Wertebereich Φ: 0,5–2,0). Die Neutrallinie Φ=1,0 wird bei BBi(i)≈−0,69 geschnitten. Der Inflektionspunkt liegt bei BBi(i)=0, Φ=1,25. Grüner Bereich = positives Selbstbild (Verstärker, Φ>1); roter Bereich = negatives Selbstbild (Dämpfer, Φ<1). Eigene Darstellung.

 

11.2 Die fünf Selbstperspektiven

Anstelle thematischer Lebensbereiche hat KS fünf Selbstperspektiven als Spalten der Selbst-Bedürfnis-Matrix (SBM). Jede Perspektive adressiert eine eigene Facette der Selbstbeziehung – von der Wahrnehmung über die Akzeptanz bis zur Transzendenz:

Perspektive Kernfrage Dominante Dimensionen
S1 Selbstwahrnehmung Wie sehe ich mich – realistisch? N3, N7
S2 Selbstakzeptanz Nehme ich mich so an, wie ich bin? N4, N2
S3 Selbstwirksamkeit Was traue ich mir zu? N2, N3
S4 Selbstfürsorge Wie gut sorge ich für mich? N6
S5 Selbsttranszendenz Wofür bin ich größer als ich selbst? N5, N4.4 / N4.5

Ein diagnostisch besonders häufiges Muster ist S2 > S4: Selbstakzeptanz ohne Selbstfürsorge – die Person weiß, dass sie auf sich achten sollte, tut es aber nicht. Ein weiteres: S5 > S2 – lebt für andere, vernachlässigt sich selbst (Profil des selbstlosen Helfers).

Mit der Projektionsfunktion Φ sind alle Systemkomponenten eingeführt: Facettenbilanz, Dimensionsgewichte, Kontextgewichte, Resilienz, Vitalität und Selbstbild. Abschnitt 12 verdichtet diese Bausteine zur vollständigen Gesamtformel GBi – der formalen Zusammenfassung des gesamten BPM in einer Gleichung.

 

12. Die vollständige Gesamtformel

Die vorangegangenen Abschnitte haben die Bestandteile des BPM schrittweise entwickelt: Facettenbilanzen auf Mikroebene, Dimensionsbilanzen auf Mesoebene, Kontextbilanzen auf Makroebene – ergänzt um Resilienz, Vitalität und das Selbstbild als systemische Moderatoren. Dieser Abschnitt führt alle Terme in einer einzigen Formel zusammen. Sie ist kein Ergebnis, sondern ein Verdichtungsinstrument: Sie macht sichtbar, wie viele Ebenen, Gewichtungen und Wechselwirkungen im psychologischen Gesamtbefinden einer Person gleichzeitig aktiv sind.

BBigesamt = Σk=111n=18 BBi(Kk, Nn) · ωn · f(BBi(N5)) · g(BBi(N6))] · φk · Φ(Si)  +  Si · φS
F12: Vollständige Gesamtformel BBigesamt
Die Gesamtbilanz integriert alle elf Lebensbereiche K1–K11 mit kontext- und dimensionsspezifischen Bedürfnisbilanzen, moderiert durch die Sinnbilanz f(BBi(N5)) als Resilienzmodulator und die Vitalitätsbilanz g(BBi(N6)) als Dämpfungsfaktor – gewichtet pro Kontext durch φk und global moduliert durch Φ(Si) als Selbstbildprojektion. Der additive Term Si · φS integriert den Selbst-Metakontext KS mit eigenem Gewicht.
ωn = Dimensionsgewicht (N1–N8)    f( ) = Resilienzmodulator (N5-Sinnbilanz)    g( ) = Vitalitätsdämpfer (N6-Vitalitätsbilanz)    φk = Kontextgewicht (K1–K11)    Φ(Si) = Selbstbildprojektion    Si = Selbstbilanz (KS)    φS = Gewicht des Selbst-Metakontexts

 

Was die Formel sichtbar macht, lässt sich in drei Aussagen verdichten:
Erstens ist kein Lebensbereich isoliert – jede Kontextbilanz trägt gewichtet zur Gesamtbilanz bei, und die Gewichte sind individuell.
Zweitens wirken Resilienz, Vitalität und Selbstbild nicht additiv, sondern multiplikativ – sie verändern nicht den Ausgangswert, sondern die Art, wie alle anderen Terme wahrgenommen und verarbeitet werden.
Drittens ist KS kein Lebensbereich wie die anderen: Es tritt als eigenständiger Term auf und gleichzeitig als Projektionsfunktion, die alle anderen Terme filtert – eine Doppelrolle, die die zentrale Stellung des Selbstbilds im Modell formal zum Ausdruck bringt.

 

Hinweis zur Modellarchitektur: Die Gesamtformel ist ein heuristisches Verdichtungsinstrument. Die Funktionen f, g, h und Φ sind konzeptuell begründet, aber nicht empirisch kalibriert. Die Gewichtungsparameter ωn, σn,s und φk werden post-hoc, subjektiv und kontextspezifisch gesetzt. Eine quantitative Validierung erfordert Längsschnittstudien mit mindestens zwei Messzeitpunkten und externen Kriteriumsmaßen.

 

Die Gesamtformel beschreibt, was das BPM berechnet. Die Frage, wozu es eingesetzt werden kann, steht noch aus. Abschnitt 13 skizziert die praktischen Implikationen für drei Anwendergruppen: Individuen, Beratung und Coaching sowie Forschung und Organisationsentwicklung.

 

13. Implikationen

Das Bedürfnis-Profil-Modell hat Konsequenzen, die über seine reine Binnenlogik hinausreichen. Es macht plausibel, dass Bedürfnisbefriedigung, Bedürfnisfrustration und die Passung zwischen Person und Kontext nicht als Randphänomene, sondern als zentrale Ordnungsgrößen psychischer Regulation zu verstehen sind (Ryan & Deci, 2000; Vansteenkiste & Ryan, 2013). Daraus folgt: Diagnostik, Beratung, Organisationsentwicklung und Forschung müssen stärker mehrkanalig, kontextsensitiv und dynamisch denken.

Kernaussage: Das BPM verschiebt den Fokus von isolierten Aussagen über Bedürfnisse hin zur Frage, wie sich Erleben, Verhalten und Kontext über mehrere Lebensbereiche hinweg gegenseitig stützen oder widersprechen.

13.1 Diagnostische Implikationen

Diagnostisch ist vor allem die Reduktion auf Selbstbericht unzureichend. Implizite und explizite Motive können sich deutlich unterscheiden; genau diese Differenz ist nicht ein Messfehler, sondern ein bedeutsamer Hinweis auf unterschiedliche Verarbeitungsebenen und Verhaltensregulationen (McClelland, Koestner, & Weinberger, 1989; Schultheiss, 2008). Das BPM folgt deshalb einer Triangulationslogik, in der Selbstbericht, implizite Hinweise und beobachtbares Verhalten zusammengeführt werden.

Für die Praxis bedeutet das, dass nicht nur die Stärke eines Bedürfnisses relevant ist, sondern auch seine Zugänglichkeit, seine kulturelle Form und seine kontextuelle Entfaltung. Ein hoher Selbstausdruck kann also diagnostisch wenig aussagekräftig sein, wenn er von kompensatorischen Deutungen, sozialer Erwünschtheit oder unbewusster Frustration überlagert wird. Gerade die Diskrepanz zwischen wahrgenommener und tatsächlich gelebter Bedarfslage wird damit zu einem zentralen Diagnosefenster.

13.2 Organisatorische Implikationen

Für Organisationen legt das Modell nahe, Führung und Arbeitsgestaltung als Einflussgrößen auf Bedürfnisqualität zu betrachten. Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit sind in der SDT als Grundbedingungen für Motivation und Wohlbefinden etabliert; ihre Frustration erhöht dagegen das Risiko von Rückzug, Passivität und psychischer Belastung (Ryan & Deci, 2000; Vansteenkiste & Ryan, 2013). Das BPM erweitert diese Perspektive um Sinn, Vitalität und Neugier als zusätzliche Achsen organisationaler Passung.

Daraus folgt ein klarer Prüfmaßstab: Hohe Leistung ist nicht automatisch Ausdruck gelungener Bedürfnislage. Sie kann auch unter Druck, Überanpassung oder erschöpfungsnaher Stabilisierung entstehen. Für die Organisationsdiagnostik heißt das, nicht nur Output und Commitment zu bewerten, sondern ebenso Frustrationsmuster, Kontextpassung und die Qualität von Selbststeuerung unter Belastung.

13.3 Beratungs- und Coachingimplikationen

In Coaching und Beratung wird das Modell vor allem dann nützlich, wenn es zur Differenzierung von Problemen beiträgt. Statt allgemein an Motivation, Resilienz oder Selbstwirksamkeit zu arbeiten, kann präziser gefragt werden, welche Dimension in welchem Lebensbereich unterversorgt ist und welche Form der Intervention dazu passt. Das eröffnet eine deutlich feinere Falllogik als pauschale Entwicklungsansätze.

Zugleich erinnert das BPM daran, dass Einsicht allein nicht genügt. Wenn Vitalität fehlt, Sicherheitsbedrohung besteht oder das Selbstbild verzerrt ist, bleibt die Fähigkeit zur Bedürfnisaufnahme und Bedürfnisbearbeitung eingeschränkt. Deshalb sollten Interventionen nicht nur kognitiv, sondern auch verhaltensnah, körperbezogen und kontextgestaltend angelegt werden.

13.4 Theoretische Implikationen

Theoretisch stärkt das BPM die Annahme, dass Bedürfnisse nicht bloß Mangelzustände, sondern regulative Signale eines Passungsproblems sind. Damit schließt es an die SDT an, geht aber über sie hinaus, indem es mehrere Dimensionen, Facetten und Lebensbereiche systematisch miteinander verschaltet (Ryan & Deci, 2000; Vansteenkiste, Ryan, & Soenens, 2020). Die Unterscheidung zwischen Bedürfnisbefriedigung und Bedürfnisfrustration bleibt dabei zentral, weil beide unterschiedliche psychologische Folgen haben.

Eine besondere Rolle kommt dem Selbstbild zu. Als Metakontext beeinflusst es die Wahrnehmung aller anderen Bereiche und kann damit Bedürfnisbilanzen verstärken, dämpfen oder verzerren. Theoretisch bedeutet das: Selbstkonzept ist nicht nur eine Begleitgröße, sondern eine systematische Filterinstanz in der Gesamtarchitektur des Modells.

13.5 Forschungsimplikationen

Forschungsseitig ist das Modell vor allem eine Einladung zur empirischen Präzisierung. Zu prüfen sind die faktorielle Trennschärfe der acht Dimensionen, die Stabilität der Facetten über verschiedene Kontexte hinweg und die Frage, ob die Mehrkanal-Erhebung tatsächlich einen Erkenntnisgewinn gegenüber reinen Selbstberichtverfahren liefert. Ebenso wichtig sind Längsschnittstudien, um die Dynamik von Bedürfnisveränderungen und deren Folgen abzubilden.

Darüber hinaus ist eine kulturvergleichende Prüfung notwendig. Das Modell beansprucht universale Gültigkeit auf der Ebene seiner Struktur, nicht aber auf der Ebene seiner konkreten Ausprägungen. Deshalb muss empirisch gezeigt werden, welche Facetten kulturübergreifend stabil sind und wo kulturelle Besonderheiten die Ausdrucksform von Bedürfnissen prägen.

13.6 Praktische Schlussfolgerung

Praktisch verdichtet das BPM die Einsicht, dass psychische Entwicklung nicht aus isolierten Bedürfniswerten folgt, sondern aus relationaler Passung. Wo Sicherheit, Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit, Sinn, Vitalität und Neugier in einem Lebensbereich stimmig zusammenwirken, entstehen Stabilität und Entwicklungsfähigkeit. Wo sie auseinanderfallen, nehmen Kompensation, Erschöpfung und innere Inkongruenz zu.

Das Modell ist deshalb weniger als statische Bedarfsliste zu lesen, sondern als Analyseinstrument für Passungen, Spannungen und Entwicklungsrichtungen. Seine praktische Stärke liegt gerade darin, dass es Probleme nicht nur benennt, sondern in einer Weise ordnet, die differenzierte Intervention und Forschung ermöglicht.

 

14. Grenzen des Modells

Trotz seiner konzeptuellen Geschlossenheit bleibt das BPM ein heuristisches Modell und kein empirisch validiertes Messinstrument. Seine Stärke liegt in der theoretischen Ordnung, seine Schwäche in der noch ausstehenden Prüfung seiner Struktur, seiner Reliabilität und seiner Vorhersagekraft. Damit teilt es die Grundspannung vieler neu entwickelter Rahmentheorien: hohe analytische Plausibilität bei begrenzter empirischer Absicherung.

14.1 Konstruktgrenzen

Mehrere Begriffe im Modell sind bewusst breit gefasst. Das erhöht die Anschlussfähigkeit, erschwert aber die eindeutige Messung. Besonders Sinn, Vitalität und Selbstbild sind theoretisch ergiebig, zugleich aber potenziell überladen, weil sie mehrere Funktionen gleichzeitig übernehmen.

Hinzu kommt, dass die Facettenarchitektur zwar Differenzierung ermöglicht, aber die Gefahr begrifflicher Überschneidungen mit sich bringt. Einige Facetten liegen phänomenologisch nahe beieinander und werden erst durch die Modelllogik voneinander getrennt. Diese Trennung ist konzeptuell sinnvoll, muss aber empirisch erst noch belastbar bestätigt werden.

14.2 Methodische Grenzen

Ein zentrales Problem betrifft die Erhebung. Das BPM setzt auf Mehrkanalität, doch gerade diese ist aufwendig und anfällig für Kontextartefakte, Antworttendenzen und Interpretationsspielräume. Ohne klare Erhebungsstandards droht die Methode inkonsistent zu werden.

Außerdem ist offen, ob die vorgeschlagene BKM-Struktur in der Praxis tatsächlich in dieser Feinauflösung brauchbar ist. Eine Matrix mit vielen Zellen schafft Differenzierung, kann aber auch zu diagnostischer Überkomplexität führen. Damit steht das Modell vor dem klassischen Trade-off zwischen Präzision und Handhabbarkeit.

14.3 Theoretische Grenzen

Das BPM integriert viele etablierte Ansätze, etwa SDT, implizite Motive, Werte, Sinn und Resilienz. Diese Integration ist theoretisch attraktiv, birgt aber das Risiko, dass unterschiedliche Ebenen in einer gemeinsamen Sprache zusammengezogen werden, obwohl sie nicht dieselbe ontologische Status haben. Gerade zwischen Bedürfnis, Motiv, Wert und Erleben bleibt daher eine sorgfältige Ebenentrennung erforderlich.

Zudem ist die starke Rolle des Selbst-Metakontexts theoretisch interessant, aber auch interpretativ anspruchsvoll. Wenn das Selbstbild zu vielen Folgewirkungen zugeschrieben wird, besteht die Gefahr einer Überdeterminierung. Deshalb sollte die Projektionsfunktion des Selbst als Arbeitshypothese und nicht als feststehende Tatsache verstanden werden.

14.4 Empirische Offenheit

Die größte Grenze ist derzeit die fehlende empirische Validierung. Das Modell muss sich an den Kriterien faktorieller Struktur, konvergenter und diskriminanter Validität, prognostischer Nützlichkeit und kultureller Übertragbarkeit messen lassen. Erst wenn diese Prüfungen bestanden sind, kann es von einem konzeptuell überzeugenden Rahmen zu einem robusten Diagnostikinstrument werden.

Bis dahin bleibt das BPM ein wissenschaftlich begründeter Vorschlag mit hohem Integrationsanspruch. Sein Wert liegt schon jetzt in der systematischen Ordnung des Feldes, nicht erst in der späteren Messbarkeit. Genau darin liegt aber auch seine Grenze: Es erklärt viel, belegt aber noch wenig.

 

15. Schluss

Das Bedürfnis-Profil-Modell bietet einen strukturierten Rahmen, um menschliche Bedürfnisse kontextsensitiv, mehrdimensional und prozesshaft zu denken. Es verbindet bekannte psychologische Traditionen mit einer eigenen Architekturlogik und schafft damit einen theoretischen Raum, in dem Bedürfnisdiagnostik präziser und anschlussfähiger werden kann. Sein zentraler Beitrag liegt in der Verbindung von Differenzierung und Bilanzierung.

Das Modell zeigt, dass Bedürfnisse nicht isoliert auftreten, sondern in Lebensbereichen, im Selbstbezug und in systemischen Wechselwirkungen organisiert sind. Diese Perspektive macht sichtbar, warum dieselbe Person in einem Bereich stabil und in einem anderen belastet sein kann. Sie erklärt außerdem, warum formale Bedürfniszufriedenheit ohne stimmigen Kontext nicht automatisch zu psychischer Entlastung führt.

Im Verhältnis zu bestehenden Ansätzen ist das BPM vor allem ein Integrationsmodell. Es ersetzt SDT, Motivforschung, Wertepsychologie oder Sinnmodelle nicht, sondern ordnet sie in einer gemeinsamen Matrix neu. Dadurch entsteht ein Rahmen, der sowohl in Forschung als auch in Praxis als Brücke zwischen Theorie und Intervention dienen kann.

Der nächste Schritt liegt in der empirischen Prüfung. Erst über valide Erhebungsinstrumente, Replikationen und Anwendungsstudien wird sich zeigen, ob die Struktur des BPM nicht nur theoretisch überzeugend, sondern auch praktisch tragfähig ist. Gerade die Mehrkanal-Logik und die Kontextstruktur bieten dabei ein vielversprechendes Forschungsprogramm.

Insgesamt ist das BPM als vorläufige Architektur zu verstehen und markiert eher einen Ausgangspunkt als einen Abschluss.

 


Literatur

Alderfer, C. P. (1969). An empirical test of a new theory of human needs. Organizational Behavior and Human Performance, 4(2), 142–175. https://doi.org/10.1016/0030-5073(69)90004-X

Antonovsky, A. (1987). Unraveling the mystery of health: How people manage stress and stay well. Jossey-Bass.

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191

Berlyne, D. E. (1960). Conflict, arousal, and curiosity. McGraw-Hill. https://doi.org/10.1037/11164-000

Borsboom, D., Haig, B. D., Kievit, R. A., Cramer, A. O. J., & Fried, E. I. (2021). Beyond the DSM: Open problems in theoretical psychiatry. JAMA Psychiatry, 78(12), 1309–1310. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2021.2048

Bowlby, J. (1969). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books.

Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The psychology of optimal experience. Harper & Row.

Csikszentmihalyi, M. (1996). Creativity: Flow and the psychology of discovery and invention. HarperCollins.

Damasio, A. R. (1994). Descartes' error: Emotion, reason, and the human brain. Putnam.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01

Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. Random House.

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Frankl, V. E. (1959). Man's search for meaning. Beacon Press.

Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226. https://doi.org/10.1037/0003-066X.56.3.218

Frenkel-Brunswik, E. (1949). Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. Journal of Personality, 18(1), 108–143. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.1949.tb01236.x

Gilligan, C. (1982). In a different voice: Psychological theory and women's development. Harvard University Press.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Hogrefe.

Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T., & Stephenson, D. (2015). Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: A meta-analytic review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227–237. https://doi.org/10.1177/1745691614568352

Honneth, A. (1992). Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Suhrkamp.

Kashdan, T. B., Rose, P., & Fincham, F. D. (2004). Curiosity and exploration: Facilitating positive subjective experiences and personal growth opportunities. Journal of Personality Assessment, 82(3), 291–305. https://doi.org/10.1207/s15327752jpa8203_05

Keltner, D., & Haidt, J. (2003). Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion. Cognition and Emotion, 17(2), 297–314. https://doi.org/10.1080/02699930302297

Langens, T. A. (1997). Implicit motives, explicit motives, and emotional well-being [Poster]. Universität Wuppertal.

Lindenberg, S. (2020). Social rationality, self-regulation, and well-being: The regulatory significance of needs, goals, and the self. In R. Wittek, T. A. B. Snijders, & V. Nee (Eds.), The handbook of rational choice social research (pp. 72–112). Stanford University Press.

Loewenstein, G. (1994). The psychology of curiosity: A review and reinterpretation. Psychological Bulletin, 116(1), 75–98. https://doi.org/10.1037/0033-2909.116.1.75

Martela, F., & Riekki, T. J. J. (2018). Autonomy, competence, relatedness, and beneficence: A multicultural comparison of the four pathways to meaningful work. Frontiers in Psychology, 9, Article 1157. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.01157

Maslow, A. H. (1943). A theory of human motivation. Psychological Review, 50(4), 370–396. https://doi.org/10.1037/h0054346

Maslow, A. H. (1971). The farther reaches of human nature. Viking Press.

McAdams, D. P. (1993). The stories we live by: Personal myths and the making of the self. Morrow.

McClelland, D. C. (1985). Human motivation. Scott, Foresman.

McClelland, D. C., Koestner, R., & Weinberger, J. (1989). How do self-attributed and implicit motives differ? Psychological Review, 96(4), 690–702. https://doi.org/10.1037/0033-295X.96.4.690

Mission Asset Fund. (2021). Hierarchy of financial needs: An introduction. https://www.missionassetfund.org/hierarchy-financial-needs-introduction/

Mor, N., Korjan, T., & Melamed, M. (2025). The role of self-perception in mental health: Current insights on self-schemas, self-esteem, and self-compassion. Frontiers in Psychiatry. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1683194

Neff, K. D. (2003). The development and validation of a scale to measure self-compassion. Self and Identity, 2(3), 223–250. https://doi.org/10.1080/15298860309027

Rogers, C. R. (1961). On becoming a person: A therapist's view of psychotherapy. Houghton Mifflin.

Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68

Ryan, R. M., Deci, E. L., Vansteenkiste, M., & Soenens, B. (2021). Building a science of motivated persons: Self-determination theory's empirical approach to human experience and the regulation of behavior. Motivation Science, 7(2), 97–110. https://doi.org/10.1037/mot0000194

Schmalt, H.-D. (2019). Motivationspsychologie (4. Aufl.). Kohlhammer.

Schwartz, S. H. (1992). Universals in the content and structure of values: Theoretical advances and empirical tests in 20 countries. Advances in Experimental Social Psychology, 25, 1–65. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60281-6

Schultheiss, O. C. (2008). Implicit motives. In O. P. John, R. W. Robins, & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of personality: Theory and research (3rd ed., pp. 603–633). Guilford Press.

Schultheiss, O. C., & Brunstein, J. C. (2010). Implicit motives. In O. C. Schultheiss & J. C. Brunstein (Eds.), Implicit motives (pp. 3–20). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780195335156.001.0001" target="_blank

Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On depression, development, and death. Freeman.

Sheldon, K. M., & Elliot, A. J. (1999). Goal striving, need satisfaction, and longitudinal well-being: The self-concordance model. Journal of Personality and Social Psychology, 76(3), 482–497. https://doi.org/10.1037/0022-3514.76.3.482

Sonnentag, S. (2003). Recovery, work engagement, and proactive behavior: A new look at the interface between nonwork and work. Journal of Applied Psychology, 88(3), 518–528. https://doi.org/10.1037/0021-9010.88.3.518

Sternberg, R. J. (1986). A triangular theory of love. Psychological Review, 93(2), 119–135. https://doi.org/10.1037/0033-295X.93.2.119

Vansteenkiste, M., & Ryan, R. M. (2013). On psychological growth and vulnerability: Basic psychological need satisfaction and need frustration as a unifying principle. Journal of Psychotherapy Integration, 23(3), 263–280. https://doi.org/10.1037/a0032359

Vansteenkiste, M., Ryan, R. M., & Soenens, B. (2020). Basic psychological need theory: Advancements, critical themes, and future directions. Motivation and Emotion, 44(1), 1–31. https://doi.org/10.1007/s11031-019-09818-1

Wagner, J. (2025). Reichtum bewusst & systematisch erschaffen: Dein Leitfaden zu individuellem Reichtum (1. Aufl.). Selbstverlag. ISBN 978-3-00-083569-8

Wagner, J. (2026a). Liebe als Bedürfnis-Subsumtion – Ein erweitertes psychologisches Modell der Liebe [Preprint]. PsychArchives. https://doi.org/10.23668/psycharchives.21903

Wagner, J. (2026b). Bedürfnisökologie von Organisationen [Preprint]. PsychArchives. https://doi.org/10.23668/psycharchives.22132

Wagner, J. (2026c). Führung als Systemfaktor [Preprint]. PsychArchives. https://doi.org/10.23668/psycharchives.22133

World Health Organization. (2010). Global recommendations on physical activity for health. World Health Organization. https://www.who.int/publications/i/item/9789241599979