Change als Reparatur

Bedürfnisökologische Implikationen für nachhaltige Organisationsveränderung
Jochen Wagner
ORCID: 0009-0000-3701-0470  |  Schwerin, Deutschland  |  Mai 2026
Versionierte wissenschaftliche Publikation
Erstveröffentlichung auf PsychArchives (Leibniz-Institut für Psychologie)
DOI der Erstversion: 10.23668/psycharchives.22411
Lizenz: CC-BY-SA 4.0 · Jochen Wagner, 2026

Abstract
Dieser Essay entwickelt Change als Reparatur als konzeptuelle Ausarbeitung der Bedürfnisökologie von Organisationen (Wagner, 2026b). Ausgangspunkt ist die Annahme, dass organisatorische Veränderung nicht nur Strukturen verschiebt, sondern häufig in gestörte Bedürfnisbezüge und affektive Tragfähigkeiten eingreift. Besonders relevant ist dabei, dass affektive Zustände aus gewichteten Teilbilanzen gegenüber relevanten Bedürfnissen hervorgehen und deshalb mehrstufig diagnostiziert werden sollten. Der Essay schlägt vor, Change als Wiederherstellung und Neujustierung funktionaler Tragfähigkeit zu verstehen, wobei Widerstand als Hinweis auf offene Verluste, Unsicherheit oder Fairnessverletzungen gelesen wird. Die Literatur zu Change-Reaktionen, Vertrauen, psychologischer Sicherheit und Veränderungskompetenz stützt diese Sicht, ohne sie zu ersetzen (Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024). Der Beitrag liegt in einem heuristischen Modell, das individuelle, kollektive, organisationale und interorganisationale Ebenen systematisch miteinander verbindet.
Schlüsselwörter: Bedürfnisökologie, Change als Reparatur, Organisationsveränderung, affektiver Zustand, Gefühlszustand, Bedürfnisbilanz, kollektive Resonanz, Pluralitätssensitivität, interorganisationales Vertrauen

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Förderung: Die Arbeit wurde ohne externe Förderung erstellt.

 

1. Ausgangspunkt und Grundannahmen

Der Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Change-Prozesse häufig an denselben psychologischen Faktoren scheitern: Unsicherheit, mangelnde Beteiligung, fehlende Fairness, unklare Kommunikation und ein Verlust von Vertrauen. Die Forschung zu Widerstand gegen Veränderung zeigt, dass Widerstand nicht bloß irrational ist, sondern oft mit organisationaler Gerechtigkeit, wahrgenommener Kontrolle und psychologischer Sicherheit zusammenhängt (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Aus der Bedürfnisökologie folgt dafür eine einfache Grundannahme: Menschen reagieren auf Veränderung nicht nur auf der Ebene von Informationen, sondern auf der Ebene ihrer Bedürfnisbilanz. Wenn Autonomie eingeschränkt, Kompetenz entwertet, Zugehörigkeit beschädigt, Sinn unklar oder Sicherheit bedroht wird, verschlechtert sich die affektive Beziehung zur Organisation. Der affektive Zustand ist damit nicht Begleitmusik des Wandels, sondern ein zentraler Wirkfaktor dafür, ob Change akzeptiert, mitgetragen oder abgewehrt wird (Deci & Ryan, 2000; Van den Broeck et al., 2016; Oreg et al., 2021).

Diese bedürfnisökologische Perspektive setzt zugleich ein bestimmtes Menschenbild voraus: Mitarbeitende sind nicht primär als zu motivierende Objekte zu verstehen, sondern als grundsätzlich beitrags- und verantwortungsfähige Akteure, deren Handlungskraft unter günstigen Bedingungen sichtbar wird. Veränderung scheitert dann oft nicht an mangelnder Bereitschaft der Personen, sondern an organisationalen Arrangements, die Selbstwirksamkeit, Beteiligung und sinnvolle Kooperation behindern (Pfläging, 2014/2024; Van den Broeck et al., 2016; Oreg et al., 2021).

Eine zweite Grundannahme lautet, dass Veränderung immer mehr ist als ein einzelner Eingriff. Auch ein punktuelles Projekt hat Rückwirkungen auf Teamdynamik, organisationale Fairness und Schnittstellen zu anderen Organisationen. Deshalb muss Change auf mehreren Ebenen gedacht werden, wenn er nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig wirksam sein soll. Genau an dieser Stelle setzt die Metapher der Reparatur an: Sie lenkt den Blick auf Störungen, ihre Lokalisation und ihre systemische Ausbreitung (Reineholm & Lundqvist, 2024; Oreg et al., 2021; Zaheer et al., 1998).

Die dritte Grundannahme betrifft den Gefühlszustand G. Dieser bezeichnet die emotionale Gesamthaltung gegenüber Arbeit, Rolle oder Organisation. Wenn G positiv ist, überwiegen Bindung, Zugehörigkeit und Tragfähigkeit. Wenn G neutral ist, herrscht Indifferenz, und wenn G negativ ist, dominieren Distanz, Abwehr oder Erschöpfung (George, 1990; Oreg et al., 2021).

Als resultierender Zustand ist G dabei nicht folgenlos, sondern verhaltensrelevant: Er beeinflusst, ob Beschäftigte Veränderung eher mittragen, vermeiden, verzögern oder aktiv unterstützen. Damit bildet G die affektive Vermittlungsinstanz zwischen Bedürfnisbilanz und Veränderungsverhalten.

Zusätzlich gilt: In jeder Ebene können Teilbereiche bereits erodieren, während andere noch stabil bleiben. Teilpositivität, Ambivalenz und selektive Erosion sind deshalb keine Abweichungen, sondern reguläre Erscheinungsformen der affektiven Struktur. Für Diagnose und Reparatur ist nicht nur der Gesamtwert relevant, sondern auch seine innere Verteilung.

 

Leitfrage des Essays: Wie können Organisationen auf veränderte Wettbewerbsbedingungen reagieren, damit notwendige Veränderung nicht zu einer Erosion von Bedürfnisbilanzen führt, sondern tragfähig gestaltet werden kann?

 

Um diese Leitfrage beantworten zu können, muss zunächst geklärt werden, was im vorliegenden Essay unter organisationaler Veränderung, Bedürfnisbilanz und Reparatur überhaupt verstanden wird. Erst auf dieser begrifflichen Grundlage lässt sich zeigen, warum Change nicht nur als struktureller Umbau, sondern als Bearbeitung gestörter Tragfähigkeit analysiert werden kann.

 

2. Definition

Change bezeichnet im vorliegenden Essay eine organisierte, zielgerichtete Veränderung von Strukturen, Prozessen, Rollen oder kulturellen Mustern in Organisationen. Gemeint ist nicht jede Neuerung, sondern eine Veränderung, die aus einem wahrgenommenen Anpassungsbedarf entsteht und auf eine bessere Passung zwischen organisationellen Anforderungen und menschlichem Erleben zielt. Der Begriff wird hier bewusst kontextualisiert, weil Change im organisationalen Alltag sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, von der Reorganisation bis zur digitalen Transformation (Lewin, 1947; Kotter & Schlesinger, 2008; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Change als Reparatur beschreibt diesen Prozess nicht als bloßes Umbauen, sondern als Wiederherstellung oder Neujustierung gestörter Bedürfnisbezüge. Das Modell geht davon aus, dass Organisationen dann veränderungsfähig sind, wenn Defizite nicht nur technisch, sondern auch psychologisch bearbeitet werden. Widerstand wird deshalb nicht als Störung außerhalb des Systems verstanden, sondern oft als Hinweis darauf, dass ein relevanter Verlust, eine Unsicherheit oder eine Fairnessverletzung noch nicht ausreichend adressiert ist (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Der Begriff Reparatur ist dabei absichtlich gewählt, aber nicht im engen Sinn eines Zurücksetzens auf den alten Zustand. Gemeint ist vielmehr die Wiederherstellung funktionaler Tragfähigkeit unter veränderten Bedingungen. In vielen Fällen muss Change also nicht nur reparieren, sondern zugleich neu justieren, damit eine Organisation unter neuen Anforderungen wieder stimmig arbeiten kann (Van den Broeck et al., 2016; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Der Begriff Reparatur wird im vorliegenden Essay nicht metaphorisch-beliebig, sondern funktional verwendet. Er bezeichnet die Wiederherstellung oder Neujustierung jener Bedingungen, unter denen Bedürfnisregulation, affektive Tragfähigkeit und kooperative Anschlussfähigkeit wieder möglich werden. Gerade weil organisationale Veränderung häufig mit Bedürfnisfrustration, psychosozialen Belastungen und Einbrüchen in Vertrauen, Fairness oder Sicherheit verbunden ist, erscheint Reparatur hier präziser als bloße Anpassung oder Regulation: Gemeint ist nicht nur fortlaufende Modulation, sondern die Bearbeitung einer bereits eingetretenen Störung in der Passung zwischen Organisation und Erleben (Van den Broeck et al., 2016; Oreg et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Im vorliegenden Modell ist G kein einfacher Endzustand, sondern das Ergebnis einer gewichteten Aggregation von Teilbilanzen gegenüber relevanten Bedürfnisbereichen. Ein positiver oder negativer Gesamtzustand kann deshalb aus sehr unterschiedlichen Teilmustern entstehen. Diese Binnenstruktur ist für Diagnose und Reparatur ebenso wichtig wie die Frage, auf welcher organisationalen Ebene die Störung liegt (Van den Broeck et al., 2016).

Aus dieser Definition folgt, dass Change weder rein technisch noch rein kommunikativ verstanden werden kann. Wenn Veränderung in Bedürfnisbezüge eingreift, dann stellt sich im nächsten Schritt die theoretische Frage, nach welcher Logik diese Eingriffe wirksam, folgenreich oder reparaturbedürftig werden.

 

3. Kernthese

Die Kernthese des Essays lautet: Nachhaltiger Change gelingt dann am ehesten, wenn er als Reparatur derjenigen Bedürfnisströme verstanden wird, die durch eine organisationale Störung beeinträchtigt wurden. Change ist in diesem Sinn keine rein technische Umstellung, sondern ein Prozess der Wiederherstellung funktionaler Passung zwischen Struktur, Zusammenarbeit und Erleben. Die Literatur zu Change-Management betont ebenfalls, dass erfolgreiche Veränderung von Vertrauen, Beteiligung, Kommunikation und psychologischer Sicherheit abhängt; der hier entwickelte Ansatz bündelt diese Faktoren unter der Perspektive der Bedürfnisreparatur (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Das vorliegende Modell ist primär als heuristisches Diagnose- und Orientierungsmodell zu verstehen. Es beansprucht nicht, bereits ein vollständig empirisch validiertes Erklärungsmodell organisationalen Wandels zu sein, sondern bietet einen systematischen Rahmen, um Störungen, Bedürfnisverletzungen und Ebeneneffekte in Change-Prozessen sichtbar, analysierbar und praktisch bearbeitbar zu machen.

Das bedeutet zugleich: Change ist selten nur „Reparatur“ im Sinne einer Rückkehr zum Vorher. Meist ist Change veränderungsbegleitend, also mit einer Anpassung an neue Organisationsparameter verbunden. Deshalb ist die treffendste Formulierung nicht bloß Wiederherstellung, sondern eher Wiederherstellung und Neujustierung funktionaler Tragfähigkeit. So bleibt die Reparaturmetapher erhalten, ohne den produktiven Anteil des Wandels zu unterschlagen (Reineholm & Lundqvist, 2024; Van den Broeck et al., 2021).

Die theoretische Pointe liegt darin, dass Widerstand nicht als Defizit der Mitarbeitenden, sondern als diagnostischer Hinweis auf noch offene Bedürfnisverletzungen gelesen wird. Daraus ergibt sich eine andere Veränderungslogik: Erst Störung verstehen, dann Ebene und Reichweite bestimmen, dann gezielt reparieren. Eine Organisation wird dadurch nicht nur formell verändert, sondern in ihrer affektiven und sozialen Infrastruktur stabilisiert (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Der theoretische Zusammenhang des Modells lässt sich als mehrstufiger Kausalpfad formulieren: Bedürfnisbilanzen beeinflussen den affektiven Zustand G; der affektive Zustand prägt wiederum Motivation, Beteiligungsbereitschaft und Veränderungsverhalten; diese Prozesse wirken sich schließlich auf die Stabilität und Tragfähigkeit von Change-Prozessen aus. Change-Erfolg wird in dieser Perspektive daher nicht direkt aus Maßnahmen abgeleitet, sondern vermittelt über die Wirkung dieser Maßnahmen auf Bedürfnisregulation, affektive Zustände und soziale Anschlussfähigkeit (Deci & Ryan, 2000; Van den Broeck et al., 2016; Oreg et al., 2021).

Die Binnenstruktur von G macht diese Logik noch genauer: Ein Gesamtzustand kann aus sehr unterschiedlichen Teilbilanzen entstehen, etwa aus gleichzeitig positiver Verbundenheit und negativer Sicherheit. Deshalb muss eine gute Reparatur nicht nur den Endzustand, sondern die Teilbereiche sichtbar machen, aus denen er zusammengesetzt ist.

Im vorliegenden Modell bezeichnet G den resultierenden affektiven Zustand, der sich aus der gewichteten Aggregation von Teilbilanzen gegenüber relevanten Bedürfnisbereichen ergibt. Die Rede von der Binnenstruktur von G verweist daher nicht auf einen allgemeinen Gefühlsbegriff, sondern auf diese modellinterne Zusammensetzung aus Teilwerten.

Die Kernthese bleibt jedoch nur dann analytisch tragfähig, wenn sie in eine Struktur übersetzt wird, die unterschiedliche Orte der Störung, ihre Wechselwirkungen und mögliche Reparaturansätze sichtbar macht. Genau dazu dient das folgende Vier-Ebenen-Modell.

 

4. Das Vier-Ebenen-Modell

Die reparative Perspektive wird im Vier-Ebenen-Modell konkretisiert. Die Ebenen sind analytisch voneinander unterschieden, in der Praxis aber eng miteinander verschränkt. Ein Change-Prozess, der nur auf einer Ebene ansetzt, bleibt meist unvollständig, weil Bedürfnisse, Teamdynamiken, organisationale Strukturen und Schnittstellen sich gegenseitig beeinflussen. Die Literatur zu organisatorischer Veränderung zeigt entsprechend, dass Vertrauen, psychologische Sicherheit, Beteiligung und passfähige Kompetenzentwicklung wichtige Bedingungen von Akzeptanz und Umsetzung sind (Oreg et al., 2021; O’Donovan et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Die vier Ebenen folgen keiner starren Hierarchie, sondern einer diagnostischen Ordnung: Zuerst wird geprüft, wie die Veränderung auf einzelne Personen wirkt, dann auf Teams, dann auf Subgruppen und schließlich auf die Grenzen zu anderen Organisationen. Diese Ordnung ist hilfreich, weil Widerstand gegen Change oft genau dort entsteht, wo ein Defizit nicht erkannt oder nicht bearbeitet wurde. Ein gutes Change-Design ist deshalb kein Einheitsprogramm, sondern eine mehrstufige Reparaturarchitektur.

 

Kernaussage: Das Modell versteht Change als Reparatur gestörter Bedürfnisbilanzen auf vier Ebenen: individuell, kollektiv, organisational und interorganisational.

 

Veränderung setzt in diesem Modell nicht direkt an der Kultur an, sondern an den Bedingungen realer Zusammenarbeit; wo Menschenbild, Verantwortungsordnung und Transparenz verändert werden, verschiebt sich die Kultur eher als Folge gelingender Bedürfnisregulation denn als ihr Ausgangspunkt.

Vier Ebenen der Bedürfnisökologie im Change als Reparatur-Modell Darstellung der vier Diagnose- und Interventionsebenen von individueller Bedürfnisbilanz bis Schnittstellen-Ökologie mit Rückkopplungen. Change als Reparatur: Vier Ebenen der Bedürfnisökologie Diagnose- und Orientierungsrahmen für Organisationsveränderung Ebene I Individuelle Bedürfnisbilanz Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit, Sinn, Sicherheit Frage: Welche Bedürfnisse sind bei einzelnen Personen verletzt oder gefährdet? Ebene II Kollektive Resonanz im Team Ko-Regulation, psychologische Sicherheit, Lernen, geteilte Sinnbildung Frage: Stützt oder blockiert das Team die Bedürfnisregulation? Ebene III Pluralitätssensitivität der Organisation Fairness, Zugänglichkeit, Inklusion, gruppenspezifische Betroffenheit Frage: Ist die Veränderung für verschiedene Gruppen tragfähig? Ebene IV Schnittstellen-Ökologie Interorganisationales Vertrauen, Boundary Spanning, Kooperationsstabilität Frage: Wie wirken externe Schnittstellen auf Tragfähigkeit und Vertrauen? Rückkopplung Leitlogik: Diagnose → Priorisierung → Intervention → Stabilisierung → Evaluation

Die vier Ebenen beschreiben deshalb nicht nur unterschiedliche Orte der Störung, sondern auch unterschiedliche Hebel der Veränderung. Wo sich das Menschenbild, die reale Zusammenarbeit, die Transparenz von Entscheidungen und die Qualität von Verantwortung verschieben, verändert sich mittelbar auch die organisationale Kultur; sie ist in dieser Perspektive weniger Ausgangspunkt als Folge gelingender Bedürfnisregulation (Pfläging, 2014/2024; O’Donovan et al., 2021; Nishii, 2013).

 

Ebene I Individuelle Bedürfnisbilanz

Auf der ersten Ebene steht die Frage, wie einzelne Beschäftigte die Veränderung erleben. Wird Autonomie erhalten oder eingeschränkt? Bleiben Kompetenz und Handlungsfähigkeit sichtbar oder drohen Überforderung und Entwertung? Wird Zugehörigkeit gestärkt oder unterbrochen? Diese Ebene ist zentral, weil Veränderung häufig zuerst als persönliche Belastung erfahren wird, bevor sie als strukturelle Neuerung verstanden wird. Die Forschung zu Change-Reaktionen zeigt, dass Wahrnehmungen von Unsicherheit, Kontrolle und Kompetenzverlust eng mit Akzeptanz oder Widerstand verbunden sind (Oreg et al., 2021; Van den Broeck et al., 2016).

Reparativ bedeutet das: Aufgaben, Rollen, Informationsniveau und Beteiligungsgrade so zu gestalten, dass die Person nicht nur mitzieht, sondern wieder einen tragfähigen Bezug zur Veränderung aufbauen kann. Auf dieser Ebene entscheidet sich oft, ob Change als Bedrohung oder als handhabbare Anpassung erlebt wird.

Hier ist auch die Teilbilanzlogik wichtig: Eine Person kann in einem Bereich bereits stark belastet sein, obwohl der Gesamtzustand noch nicht vollständig negativ wirkt. Gerade deshalb dürfen Diagnose und Reparatur nicht nur am Summenwert hängen.

Ebene II Kollektive Resonanz

Die zweite Ebene betrifft das Team als soziale Einheit. Teams können Veränderung tragen, indem sie Unsicherheit abpuffern, Erfahrung teilen und Sinn gemeinsam herstellen. Sie können Veränderung aber auch verstärken, wenn Misstrauen, Spaltung oder stille Ablehnung dominieren. Dass psychologische Sicherheit und Vertrauen zentrale Bedingungen für Offenheit, Lernen und Beteiligung sind, ist in der Change- und Teamforschung gut belegt (Edmondson, 1999; O’Donovan et al., 2021; Oreg et al., 2021).

Gerade auf Teamebene wird deutlich, dass Resonanz nicht allein aus guter Kommunikation entsteht, sondern auch aus realen Verantwortungsräumen. Wo Teams Probleme eigenständig bearbeiten, Entscheidungen nachvollziehen und Beiträge als wirksam erleben können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderung nicht nur akzeptiert, sondern aktiv mitgetragen wird. Kollektive Resonanz ist damit auch eine Frage der organisational gewährten Handlungsnähe zur Aufgabe (Pfläging, 2014/2024; Edmondson, 1999; Oreg et al., 2021).

In der reparativen Logik bedeutet das: Nicht nur die Einzelperson, sondern auch die Interaktion im Team muss repariert werden. Wenn das Team selbst keine Resonanz erzeugt, bleiben Change-Maßnahmen fragmentiert. Deshalb brauchen Teams oft klare Kommunikation, geschützte Reflexionsräume und sichtbare Beiträge zur Veränderung, damit kollektive Anschlussfähigkeit entsteht (Spreitzer et al., 2005; Porath et al., 2012).

Ebene III Pluralitätssensitivität

Die dritte Ebene fragt, ob die Veränderung für unterschiedliche Gruppen in der Organisation gleichermaßen tragfähig ist. Ein Change kann für Führungskräfte plausibel sein und für andere Beschäftigtengruppen dennoch problematisch bleiben. Genau hier wird Pluralitätssensitivität relevant: Sie prüft, ob Regeln, Kommunikationsmuster und Maßnahmen für unterschiedliche Perspektiven fair und zugänglich sind. Studien zu organisationalem Wandel, organisationaler Gerechtigkeit und Unterstützung zeigen, dass Akzeptanz nicht nur von Inhalt, sondern auch von wahrgenommener Fairness und Einbindung abhängt (Nishii, 2013; Colquitt, 2001; Mendy et al., 2021).

Reparatur heißt auf dieser Ebene daher: Subgruppen sichtbar machen, Unterschiede in Betroffenheit ernst nehmen und Veränderung nicht nur auf die Mehrheit hin ausrichten. Das ist besonders wichtig bei heterogenen Belegschaften, bei unterschiedlichen Erfahrungsniveaus oder bei Rollen, die von einer Maßnahme ungleich betroffen sind (Shore et al., 2011; Mor Barak et al., 2016).

Ebene IV Schnittstellen-Ökologie

Die vierte Ebene betrifft die Grenzen zwischen Organisationen, etwa in Kooperationen, Lieferbeziehungen, Projektverbünden oder Behördenkontakten. Hier entscheidet sich, ob Veränderung an den Schnittstellen stabil bleibt oder durch Misstrauen, Rollenkonflikte und unklare Erwartungen gebrochen wird. Interorganisationales Vertrauen ist dabei ein zentraler Faktor, weil es Akzeptanz, Anpassungsfähigkeit und wechselseitige Verlässlichkeit beeinflusst (Zaheer et al., 1998; Currall & Inkpen, 2002; Perrone et al., 2003).

Reparativ bedeutet das: Change darf nicht an der eigenen Organisationsgrenze enden. Wenn interne Veränderung externe Abhängigkeiten ignoriert, entsteht schnell ein Bruch zwischen Innen- und Außenlogik. Gerade Schnittstellen brauchen deshalb klare Zuständigkeiten, abgestimmte Erwartungen und Formen des Vertrauensaufbaus, die über das rein Formale hinausgehen (Zaheer et al., 1998; Currall & Inkpen, 2002).

 

5. Einsatzbereiche und Anwendung

Der Nutzen des Modells zeigt sich überall dort, wo Veränderung nicht abstrakt, sondern konkret in Arbeits- und Beziehungsstrukturen eingreift. Besonders hilfreich ist der Ansatz bei Restrukturierungen, Digitalisierung, Kulturwandel, Fusionen, Umorganisationen und Vertrauensverlusten. In solchen Situationen reicht es nicht, nur Prozesse zu planen; die Veränderung muss auch psychologisch anschlussfähig sein. Genau dafür liefert die Bedürfnisökologie einen Diagnose- und Orientierungsrahmen (Oreg et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Für die Praxis bedeutet das, dass Change nicht nur als Implementierungsaufgabe, sondern auch als Belastungs- und Passungsmanagement verstanden werden muss. Führung, HR und Organisationsentwicklung erhalten damit keinen bloßen Deutungsrahmen, sondern eine Entscheidungslogik dafür, an welcher Stelle Interventionen vorrangig ansetzen sollten und woran sich ihre Tragfähigkeit erkennen lässt.

Dieser Rahmen besteht nicht aus einer bloßen Liste von Problemen, sondern aus einer Reihenfolge von Fragen: Welche Teilbilanzen sind schon belastet? Auf welcher Ebene liegt die primäre Störung? Welche Gruppen sind unterschiedlich betroffen? Und welche Schnittstellen verschärfen oder stabilisieren die Situation? So wird das Modell zu einem Instrument, das Diagnose und Intervention miteinander verbindet.

Im Führungsalltag hilft das Modell, Widerstand nicht vorschnell als Unwillen zu deuten. Stattdessen wird Widerstand als Signal verstanden, dass irgendwo Autonomie, Kompetenz, Zugehörigkeit, Sinn oder Sicherheit verletzt sind. Das verändert den Umgang mit Mitarbeitenden grundlegend: Nicht Überzeugung allein ist gefragt, sondern Reparaturfähigkeit. Wer Change leitet, sollte daher nicht nur Ziele setzen, sondern auch Störungen lesen können (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021).

Für Führung folgt daraus eine Verschiebung der Aufgabe: Nicht die möglichst lückenlose Steuerung des Verhaltens steht im Zentrum, sondern die Gestaltung von Bedingungen, unter denen tragfähige Bedürfnisbilanzen wieder entstehen können. Führung wird damit weniger als Anweisung und mehr als Ermöglichung, Klärung und Schutz von Passungsbedingungen sichtbar (Pfläging, 2014/2024; Mendy et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Für die Organisationsentwicklung hat das Modell eine zweite Konsequenz. Es macht sichtbar, dass nicht jede Maßnahme auf derselben Ebene ansetzen sollte. Manche Probleme sind individuell, manche teambezogen, manche strukturell und manche extern vermittelt. Die Stärke des Modells liegt darin, diese Ebenen zu unterscheiden, ohne sie voneinander zu isolieren.

5.1 Diagnostische Anhaltspunkte

Damit das Modell praktisch anschlussfähig wird, lassen sich für jede Ebene exemplarische Diagnosefragen formulieren. Sie ersetzen keine validierten Messinstrumente, machen aber sichtbar, woran gestörte Bedürfnisregulation im organisationalen Alltag erkennbar werden kann.

Ebene Konstrukt Beispielhafte Diagnosefrage
Individuum Autonomie / Kompetenz / Sicherheit Erleben Mitarbeitende ausreichenden Handlungsspielraum, Wirksamkeit und Vorhersehbarkeit im Veränderungsprozess?
Team Psychologische Sicherheit / Resonanz Können Unsicherheiten, Fehler und Kritik im Team offen geäußert werden, ohne negative Sanktionen zu befürchten?
Organisation Pluralitätssensitivität / Fairness Ist die Veränderung für unterschiedliche Gruppen gleich zugänglich, nachvollziehbar und tragfähig gestaltet?
Schnittstelle Interorganisationales Vertrauen Sind Erwartungen, Zuständigkeiten und Verlässlichkeit an den relevanten Schnittstellen ausreichend geklärt?

5.2 Typische Anwendungsfälle

In der Praxis eignet sich der Ansatz besonders für Situationen, in denen Veränderung bereits auf Widerstand stößt oder früh mit hoher Unsicherheit verbunden ist. Das betrifft etwa neue IT-Systeme, Reorganisationen, neue Führungsstrukturen, Personalabbau, Standortverlagerungen oder Fusionen. Auch bei Kulturentwicklung und Wertearbeit ist das Modell nützlich, weil dort oft gerade die schwer sichtbaren Bedürfnisverletzungen entscheidend sind. Weitere typische Fälle sind hybride Arbeit, Rollenwechsel, Umsetzungsprobleme nach Strategiewechseln, Konflikte zwischen Abteilungen und Kooperationen an Schnittstellen.

Die Literatur zur Veränderungskompetenz zeigt zudem, dass erfolgreiche Veränderung nicht nur Wissen, sondern auch die Fähigkeit erfordert, bestehende Kompetenz zu nutzen und neue Kompetenz aufzubauen (Reineholm & Lundqvist, 2024; Van den Broeck et al., 2016). Diese doppelte Perspektive passt gut zur Reparaturidee: Change ist nicht nur eine Frage des Ersetzens, sondern auch des Erhaltens und Umformulierens.

 

6. Reparaturprotokoll

Das Reparaturprotokoll übersetzt die Modellidee in eine schrittweise Vorgehensweise. Es ist bewusst einfach gehalten, damit es in unterschiedlichen organisationalen Kontexten anwendbar bleibt. Ziel ist nicht ein starres Standardverfahren, sondern eine verlässliche Reihenfolge von Fragen und Entscheidungen. Die Forschung zu Change-Reaktionen legt nahe, dass gerade Transparenz, Beteiligung, Gerechtigkeit und psychologische Sicherheit die Umsetzung neuer Maßnahmen erleichtern (Oreg et al., 2021; O’Donovan et al., 2021; Mendy et al., 2021).

Schritt Leitfrage Funktion
1. Diagnose Was ist gestört? Die betroffene Ebene und die betroffenen Teilbilanzen sichtbar machen.
2. Priorisierung Was muss zuerst repariert werden? Das stärkste Defizit oder den größten Hebel bestimmen.
3. Intervention Welche Maßnahme passt zur Ebene? Keine pauschale Lösung, sondern ebenspezifische Anpassung.
4. Stabilisierung Wie wird der Effekt gesichert? Routinen, Kommunikation und Feedback verankern.
5. Evaluation Hat sich der Zustand verbessert? Wirkung auf den affektiven Zustand und die Bedürfnisbilanz prüfen.

Dieses Protokoll ist nicht als lineares Einmalverfahren gedacht. In vielen Fällen muss nach der Evaluation erneut diagnostiziert werden, weil eine Reparatur auf einer Ebene Nebenwirkungen auf eine andere Ebene haben kann. Ein Change-Prozess ist deshalb eher zyklisch als einmalig. Gerade diese Rückkopplung ist entscheidend, wenn Veränderung nicht nur formal eingeführt, sondern tatsächlich getragen werden soll (Reineholm & Lundqvist, 2024; Oreg et al., 2021).

Die reparative Logik spricht deshalb eher für fortlaufende, überprüfbare Korrekturen als für den Anspruch eines einmaligen Gesamtumbaus. In komplexen organisationalen Lagen ist oft nicht die größte, sondern die kleinste wirksame Intervention die angemessenste, weil sie Rückkopplung erlaubt, Nebenfolgen sichtbar macht und lokale Tragfähigkeit schrittweise wiederherstellt (Pfläging, 2014/2024; Reineholm & Lundqvist, 2024; Oreg et al., 2021).

Arbeitsregel: Repariere nicht zuerst das Sichtbare, sondern das Wirksame. Die schnellste Maßnahme ist nicht immer die richtige Maßnahme.

 

7. Einwandbehandlung

7.1 Change ist kein Reparaturfall, sondern Strategie

Ein häufiger Einwand lautet, Change sei primär eine strategische Aufgabe und keine Reparaturfrage. Das ist teilweise richtig, aber unvollständig. Strategie sagt, wohin eine Organisation will. Reparatur fragt, ob die Organisation überhaupt in der Lage ist, dorthin mitzugehen. Ohne reparierte Bedürfnisse bleibt Strategie abstrakt (Lewin, 1947; Kotter & Schlesinger, 2008; Oreg et al., 2021).

7.2 Bedürfnisse sind zu subjektiv

Ein weiterer Einwand betrifft die Subjektivität von Bedürfnissen. Tatsächlich sind Bedürfnisse individuell gewichtet. Genau das macht das Modell jedoch nicht schwächer, sondern realistischer. Es erlaubt, Unterschiede zu berücksichtigen, statt alle Beteiligten mit derselben Veränderungslogik zu behandeln. Subjektivität ist hier keine Störung, sondern Teil der Wirklichkeit (Deci & Ryan, 2000; Van den Broeck et al., 2016).

7.3 Das Modell ist zu weich

Man könnte meinen, ein bedürfnisorientierter Change-Ansatz sei zu weich für harte Restrukturierungen. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Gerade in harten Situationen entscheidet die Qualität der Bedürfnisreparatur darüber, ob Menschen bleiben, mitziehen oder innerlich kündigen. Harte Entscheidungen werden nicht leichter, wenn man die affektive Dimension ignoriert; sie werden nur schlechter tragfähig (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021).

 

8. Formale Verdichtung und Aggregationslogik

Die formale Verdichtung erfüllt im vorliegenden Modell nicht die Funktion einer bloßen Symbolisierung, sondern soll die doppelte Struktur des Zusammenhangs sichtbar machen: Erstens entstehen affektive Zustände aus gewichteten Teilbilanzen gegenüber relevanten Bedürfnisbereichen; zweitens werden diese Zustände auf vier organisationalen Ebenen rekursiv verschachtelt. Die Formel ist daher kein Endpunkt, sondern eine komprimierte Darstellung der Diagnostik- und Reparaturlogik des Essays.

Die nachfolgende Notation dient der formalen Verdichtung der Modelllogik. Sie beansprucht keine bereits empirisch validierte Quantifizierung, sondern soll Beziehungen, Aggregationsrichtungen und Diagnoseebenen präziser sichtbar machen, als dies in rein beschreibender Sprache möglich wäre.

BBi(X) = Σ [wk · (Bk - Fk)] · Eorg
Teilbilanz eines Subjekts gegenüber X über relevante Bedürfnisbereiche k.
Gi(X) = f(BBi(X))
Der affektive Zustand ergibt sich aus der aggregierten Bedürfnisbilanz.
GTeam = f(Σ Gi · KR)
Teamebene als ko-regulierte Aggregation individueller Zustände.
GOrg = f(GTeam · PS)
Organisationsebene als Effekt von Teamstruktur und Pluralitätssensitivität.
GNet = f(GOrg,A, GOrg,B, VAB)
Netzwerkebene als Funktion der beiden organisationsbezogenen Zustände und des Schnittstellenvertrauens.

Für die Reparaturlogik folgt daraus: Wenn ein Zustand negativ oder fragil wird, ist nicht der Endwert selbst zu behandeln, sondern die ihm zugrundeliegende Bilanzstruktur. Auf der Ebene des Individuums betrifft dies Teilbilanzen zu Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit, Sinn und Sicherheit. Auf den höheren Ebenen betrifft es die Frage, ob Teams ko-regulieren, Organisationen fair strukturieren und Schnittstellen vertrauensfähig bleiben.

Die formale Verdichtung hat damit einen praktischen Nutzen: Sie zeigt, wo Reparatur ansetzen soll. Negatives oder fragiles G ist nicht der Reparaturgegenstand, sondern das Warnsignal. Der Eingriff zielt auf die Teilbilanzen, aus denen der Zustand hervorgeht, und erst deren Verbesserung stabilisiert den Gesamtzustand.

 

8.1 Propositionen des Modells

Damit das Modell nicht nur heuristisch anschlussfähig, sondern auch wissenschaftlich prüfbar wird, lassen sich aus ihm mehrere Propositionen ableiten. Diese Aussagen sind nicht als abschließende Hypothesenprüfung zu verstehen, sondern als explizite, empirisch überprüfbare Erwartungsstrukturen.

Proposition 1: Je stärker psychologische Sicherheit in Teams ausgeprägt ist, desto wahrscheinlicher ist, dass individuelle Bedürfnisverletzungen kommunikativ bearbeitet werden können und sich positive affektive Zustände im Team stabilisieren. Diese Annahme wird durch Befunde gestützt, wonach psychologische Sicherheit mit Lernverhalten, Teamleistung, Engagement und organisationaler Wirksamkeit positiv zusammenhängt (O’Donovan et al., 2021; Edmondson, 1999; CIPD, 2024).

Proposition 2: Je höher die wahrgenommene organisationale Gerechtigkeit im Change-Prozess, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit widerständiger Reaktionen und desto höher die Bereitschaft, Veränderung mitzutragen. Dafür sprechen Befunde, wonach organisationale Gerechtigkeit, wahrgenommene Unterstützung und Readiness for Change eng miteinander verbunden sind (Mendy et al., 2021; Fuchs & Prouska, 2014; Jimmieson et al., 2018).

Proposition 3: Je stärker Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit im Arbeitskontext erfüllt sind, desto wahrscheinlicher sind Internalisierung, Wohlbefinden und motivationale Tragfähigkeit im Veränderungsprozess. Diese Erwartung ist mit der Literatur zur Self-Determination Theory am Arbeitsplatz konsistent, die die zentrale Bedeutung grundlegender psychologischer Bedürfnisse für Motivation und psychische Entwicklung hervorhebt (Deci & Ryan, 2000; Van den Broeck et al., 2016).

Proposition 4: Je höher die Pluralitätssensitivität organisationaler Veränderung, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Change für einzelne Gruppen systematisch belastender oder weniger tragfähig ausfällt. Damit wird erwartet, dass faire und gruppensensible Veränderungsarchitekturen die Stabilität organisationaler Bedürfnisregulation erhöhen (Nishii, 2013; Shore et al., 2011; Mor Barak et al., 2016).

Proposition 5: Sinkt interorganisationales Vertrauen an relevanten Schnittstellen, nimmt die Stabilität von Veränderungsprozessen über Organisationsgrenzen hinweg ab. Diese Annahme folgt aus der Literatur zu interorganisationalem Vertrauen, die dessen Bedeutung für Verlässlichkeit, Kooperation und Leistung an Schnittstellen betont (Zaheer et al., 1998; Currall & Inkpen, 2002; Perrone et al., 2003).

 

9. Implikationen

Die wichtigste Implikation lautet, dass Change langsamer, aber präziser werden sollte. Nicht jede Veränderung muss sofort groß sein. Oft ist eine kleine, gezielte Reparatur hilfreicher als ein umfassendes Transformationsprogramm. Das Modell legt deshalb eine sequenzielle Logik nahe: erst die Störung verstehen, dann die kleinste wirksame Intervention wählen, dann die Wirkung beobachten (Oreg et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Eine zweite Implikation betrifft Führung und Verantwortung. Wer Change gestaltet, übernimmt auch Verantwortung für den affektiven Zustand der Betroffenen. Das ist keine Überforderung, sondern eine Präzisierung von Führungsaufgabe. Führung ohne Bedürfnisdiagnostik bleibt blind für die Folgen ihrer Eingriffe (O’Donovan et al., 2021; Mendy et al., 2021).

Hinzu kommt, dass Bedürfnisreparatur unter intransparenten Bedingungen nur begrenzt gelingen kann. Wo Informationen gestaut, Entscheidungen entzogen oder Verantwortlichkeiten verdeckt werden, entstehen Unsicherheit, Misstrauen und Zuschreibungsfehler; Transparenz ist daher nicht nur ein Governance-Thema, sondern selbst eine Bedingung psychologischer Tragfähigkeit im Change (Pfläging, 2014/2024; O’Donovan et al., 2021; Oreg et al., 2021).

Eine dritte Implikation betrifft Gerechtigkeit. Eine Organisation kann nur dann als gesund gelten, wenn Veränderung nicht nur für die Mehrheit funktioniert, sondern für unterschiedliche Gruppen tragfähig ist. Das macht Pluralitätssensitivität zu einem zentralen Qualitätskriterium von Change (Nishii, 2013; Shore et al., 2011; Mor Barak et al., 2016).

 

10. Grenzen des Modells

Das Modell ist bewusst heuristisch und nicht allumfassend. Es erklärt nicht jeden Wandel und ersetzt keine ökonomische, rechtliche oder technologische Analyse. Auch kann es nicht alle organisationalen Konflikte auf Bedürfnisse reduzieren. Es bietet jedoch einen psychologisch fundierten Zugang zu einer Dimension, die in vielen Change-Prozessen unterschätzt wird (Oreg et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Zudem bleibt die empirische Ausarbeitung weiterer Maße, Schwellen und Operationalisierungen eine Aufgabe zukünftiger Arbeiten. Das Modell ist so angelegt, dass es anschlussfähig bleibt, ohne sich dogmatisch zu verengen. Seine Stärke liegt gerade darin, komplexe Verläufe auf eine verständliche, handhabbare Logik zu bringen (Van den Broeck et al., 2016; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Gerade diese Begrenzung ist jedoch kein Mangel, sondern Teil des Anspruchs des Modells. Es will nicht jede Dimension von Organisationsveränderung erklären, sondern eine bislang oft untertheoretisierte Seite präzisieren: die Frage, wie sich struktureller Wandel mit affektiver, sozialer und interorganisationaler Tragfähigkeit vermitteln lässt.

 

11. Diskussion

Change als Reparatur verlagert den Fokus von der Organisation als Maschine auf die Organisation als Bedürfniszusammenhang. Das ist theoretisch nicht nur eine Metapher, sondern eine andere Weise, Veränderung zu verstehen. Organisationen verändern sich nicht erfolgreich, weil sie formal besser geplant wurden, sondern weil die Menschen in ihnen Veränderung psychologisch und sozial mitvollziehen können (Oreg et al., 2021; O’Donovan et al., 2021).

Damit kehrt die Diskussion zur Leitfrage des Essays zurück. Wenn Organisationen auf Veränderungsdruck so reagieren sollen, dass notwendige Anpassung nicht in eine Erosion von Bedürfnisbilanzen umschlägt, dann braucht Change eine Logik, die psychologische, soziale und organisationale Tragfähigkeit nicht als Nebenaspekt, sondern als Kernbedingung von Wirksamkeit versteht.

Die eigentliche Innovation des Modells liegt nicht allein in der Reparaturmetapher, sondern in der Annahme, dass Bedürfnisbilanzen sich über mehrere soziale Ebenen rekursiv aggregieren und so unterschiedliche Formen affektiver und organisationaler Tragfähigkeit erzeugen. Der Mehrwert des Ansatzes besteht daher nicht nur in der Diagnose einzelner Bedürfnisverletzungen, sondern in der Erklärung, wie individuelle, kollektive, organisationale und interorganisationale Zustände miteinander verschränkt sind.

In dieser Perspektive ist gelingender Wandel auch daran erkennbar, dass Arbeit wieder als lebendig, wirksam und beziehungsfähig erfahrbar wird. Eine Organisation verändert sich dann nicht nur formal, sondern gewinnt an innerer Beweglichkeit, weil Verantwortung, Kooperation und Sinn nicht mehr bloß eingefordert, sondern in den Arbeitsbedingungen selbst angelegt sind (Pfläging, 2014/2024; Van den Broeck et al., 2016; Spreitzer et al., 2005).

Diese Perspektive macht Change nicht romantischer, sondern verantwortlicher. Sie verlangt, dass man Störung ernst nimmt, Unterschiedlichkeit anerkennt und Wirkung nicht nur im System, sondern auch im Erleben misst. Gerade darin liegt die Anschlussfähigkeit an die Bedürfnisökologie: Organisationen sind dann stabil, wenn ihre Veränderung nicht nur Strukturen, sondern auch die affektive Infrastruktur repariert (Wagner, 2026b; Van den Broeck et al., 2016; Zaheer et al., 1998).

 

12. Schluss

Change als Reparatur ist ein Vorschlag für einen nüchterneren, präziseren und psychologisch sensibleren Umgang mit Organisationsveränderungen. Der Ansatz geht davon aus, dass viele Change-Prozesse nicht deshalb scheitern, weil Menschen grundsätzlich gegen Veränderung sind, sondern weil Veränderungen zu wenig auf die Verletzlichkeit organisationaler Bedürfnisstrukturen achten. Wer diese Strukturen repariert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderung nicht nur eingeführt, sondern auch getragen wird (Oreg et al., 2021; Mendy et al., 2021; Reineholm & Lundqvist, 2024).

Die Leitfrage des Essays lässt sich damit wie folgt beantworten: Organisationen können veränderten Wettbewerbsbedingungen nicht dadurch angemessen begegnen, dass sie allein Strukturen, Prozesse oder Ziele neu ordnen. Tragfähiger Change entsteht vielmehr dort, wo Veränderung so gestaltet wird, dass beschädigte Bedürfnisbilanzen erkannt, differenziert bearbeitet und über mehrere Ebenen hinweg stabilisiert werden. Genau darin liegt der spezifische Beitrag der reparativen Perspektive.

Der praktische Gewinn liegt darin, Change nicht als abstrakte Großaufgabe zu behandeln, sondern als Folge konkreter Reparaturschritte. Das macht den Ansatz anschlussfähig für Führung, Organisationsentwicklung und Kooperation. Sein theoretischer Kern bleibt dabei einfach: Gute Veränderung verbessert nicht nur die Ordnung der Organisation, sondern auch den Gefühlszustand der Menschen, die in ihr arbeiten (O’Donovan et al., 2021; Van den Broeck et al., 2016).

 

13. Glossar

Autonomie: Erleben von Selbstbestimmung und Handlungsspielraum.
Kompetenz: Erleben von Wirksamkeit, Bewältigung und Können.
Verbundenheit: Erleben von Zugehörigkeit, sozialer Einbindung und Resonanz.
Sinn: Erleben von Bedeutsamkeit und innerer Stimmigkeit der Tätigkeit.
Sicherheit: Erleben von Stabilität, Verlässlichkeit und Schutz vor Bedrohung.
BB: Bedürfnisbilanz, also das saldierte Bedürfnisprofil einer Person oder eines Systems.
G: affektiver Zustand gegenüber Arbeit, Rolle oder Organisation.
KR: kollektive Resonanz eines Teams.
PS: Pluralitätssensitivität auf organisationaler Ebene.
VAB: Vertrauenskraft zwischen Organisationen.

 

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